An die Mutter, die meint, ein Wunschkaiserschnitt gehöre verboten!

von | 14.02.2016 | Wunschkaiserschnitt | 18 Kommentare


 

Dies ist ein Brief von Mutter zu Mutter. Ich schreibe ihn, weil ich manche Sätze in den letzten Jahren einfach zu oft gelesen habe. Sätze, die verletzen, Sätze, die keine Frau, die ein Kind unter ihrem Herz trägt, hören oder lesen sollte. Und nicht nur mich haben diese Sätze verletzt, sondern viele andere, tausende Frauen auch. In den letzten Jahren habe ich Schutzräume gestaltet, in Foren, den sozialen Medien, am Telefon. Schutz vor solchen Sätzen, vor zutiefst verletzenden Aussagen, vor verbalen Faustschlägen mitten in die Magengrube, abgegeben von Menschen, die im selben Boot sitzen, wie die, die sie abbekommen.

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An die Mutter, die meint, ein Wunschkaiserschnitt gehöre verboten! Dieser Brief ist für dich:

„Hallo,

ich schreibe dir heute diese Zeilen, weil ich dir lange genug zugehört habe, versucht habe dich zu verstehen, andere vor dir beschützt habe und weil ich nun, nach dem Lesen dieses Satzes und vieler weiterer, immer und immer wieder, nach 6 Jahren eigener Mutterschaft und zwei Kindern, einfach müde bin. Ich bin so müde die immer gleichen, verletzenden Sätze zu lesen, ich bin müde all diese Frauen, die in einem meiner Schutzräume landen, mühsam wieder aufzubauen, nachdem du sie emotional vernichtet hast. Ich bin müde, dich in Schutz zu nehmen, müde zu glauben, du hättest einen Grund so etwas zu sagen, einen nachvollziehbaren Grund, einen wirklich guten Grund. Denn anders kann ich mir all diese verletzenden Sätze nicht erklären. Es muss ein sehr guter Grund sein, wenn man einem anderen Menschen verbal eine solche Ohrfeige verpasst. Was ist dein Grund?

Ich versuche wirklich dich zu verstehen, diese Frau, die so etwas schreibt und es hinaus in die Welt schickt, in die Herzen anderer Frauen. Ich frage mich, wer ist diese Frau? Diese Frau, eine Mutter wie ich es bin, die ihre eigenen Kinder ansieht und spürt wie ihr Herz dabei einen Sprung macht und dann, keine 10 Sekunden später, ihre Kinder lachen und spielen im Hintergrund, schreibt sie einer anderen Frau, sie solle ihr Kind abtreiben, wenn sie es nicht spontan zur Welt bringen will. Bist du so eine Frau? Willst du wirklich so sein? Was hat dich so werden lassen? Erinnerst du dich noch an den Moment, als du zu einer dieser Frauen wurdest, die so etwas Schreckliches sagen? Sag mir, wie schaffen es all die Frauen, die solche Sätze schreiben wie du, abends ihre Kinder auf die Stirn zu küssen, ihnen ihre Lieblingsgeschichte vorzulesen und ihnen noch schnell ein Glas Wasser zu holen, damit sie noch zwei Minuten mehr deine Nähe genießen dürfen, so etwas einer anderen Frau zu sagen? Einer Frau, die genau das mit ihren Kindern erleben möchte, die sie genauso küssen, ihnen vorlesen und ihre kleinen Tricks durchschauen möchte. Wie dick muss die Mauer sein, die du zwischen dich und diese Frauen aufgestellt hast, damit du ihre Tränen nicht sehen kannst, wenn sie lesen, was du schreibst? Damit dir nicht einmal bewusst wird, dass sie weinen? Damit du sie entmenschlicht, anonymisiert in den Weiten des Internets gar nicht mehr als Menschen wahrnimmst, denen deine Worte tief im Herzen weh tun? Wie dick ist deine Mauer bereits?

In den letzten Jahren haben du und viele andere Frauen, sehr viele verletzende Sätze geschrieben, Sätze, die auf dich vielleicht nicht so verletzend wirkten zwischen meterdicken Mauern, an denen deine eigenen Worte abprallen konnten und dich nicht wirklich haben spüren lassen, dass sie aus deinem Kopf in den einer anderen gekrochen sind, einfach so.

Ich habe sie gesammelt, all diese Sätze, sie haben sich in meinen Kopf geschlichen, sich in eine kleine dunkle Schublade gelegt und egal, was ich getan habe, um sie wieder los zu werden, es gelang mir nicht, sie bleiben da und verfolgen mich, Tag ein Tag aus. Und ich möchte dir nun antworten, hier in meinem Blog, ganz offiziell. Du hast sie geschrieben, also nimm dir die Zeit, anzuschauen, was du damit anrichtest und zwar jedes Mal, wenn sie deine Tastatur verlassen und du sie in die Öffentlichkeit entlässt.

„Wunschkaiserschnitte gehören verboten!“

So oft schon habe ich das gelesen und nie verstanden. Ich bin so erzogen worden, die Welt meiner Mitmenschen zu respektieren, ich missioniere nicht und egal, wie unmöglich ich etwas finde, noch nie kam mir in den Sinn, einem anderen Menschen durch ein Verbot etwas wegzunehmen, was für ihn wichtiger ist wie für mich. In meiner Position als Bloggerin dieser Seite bin Ich weder pro noch kontra, ich bin für individuelle Geburtsverläufe und für einen respektvollen Umgang mit Frauen, für Respekt vor ihrem Wesen, ihren Gedanken, ihren Ängsten und Problemen. Als mehrfache Therapeutin bin ich es gewohnt ganzheitlich zu denken, ich sehe nicht nur einzelne Entscheidungen, ich sehe Menschen wirklich, so wie sie sind und nicht nur Momentaufnahmen, sondern Menschen in all ihren schimmernden Farben, die bei jedem eine andere einzigartige und besondere Farbmischung ergeben. Ich freue mich für jede Frau, die ein schönes Geburtserlebnis in ihr ganz persönliches Lebensalbum packen kann und mit einem gesunden Baby nach Hause geht. Ich setze mich für selbstbestimmte Geburten ein, für jede Frau, ich verfolge die prekäre Lage der Hebammen und ich bin nicht geknickt, wenn Frauen, nachdem sie mein Buch gelesen haben, sich für eine vaginale Geburt entscheiden und ja, das kommt vor und als ich von der ersten Frau hörte, der es so ging, musste ich weinen vor Freude, weil ich wusste, ich hatte den schwierigen Drahtseilakt, bei diesem Thema neutral zu bleiben, hinbekommen. Ich möchte informieren und keine Richtung vorgeben.

Kaiserschnitte sind heute ein Teil der Geburtshilfe, sie sind wichtig, sie retten Leben, große und kleine, immer und immer wieder. Ohne sie würde es düster aussehen und ich denke in dem Punkt sind wir uns einig. Doch um diesen Punkt geht es dir nicht, richtig? Es geht dir um die Frauen, die es sich erdreisten, sich einen Kaiserschnitt zu wünschen, obwohl ihre Vagina grünes Licht gegeben hat für eine natürliche Geburt. Die Gründe dafür sind so vielseitig wie die Frauen selbst, um die geht es auch nicht. Genau, die Gründe sind egal, denn selbst wenn eine Frau ihn wollte, weil das Datum so schön aussieht neben ihrem Hochzeitsdatum – die Frage ist, was interessiert es dich? Und vor allem, geht es dich was an? Hat es dich etwas anzugehen? Entbinden wir in Deutschland in einer Gemeinschaft oder geht jede ihren Weg für sich? Die wenigsten Frauen entscheiden sich aus Lust und Bequemlichkeit zu einem Kaiserschnitt, sie haben Gründe, gute Gründe, sie möchten sich nicht zu etwas genötigt fühlen, was für andere Normalität, aber für sie eine Hürde darstellt und sie haben es satt, sich zu rechtfertigen. Es gab Zeiten, da haben Frauen ihre BHs verbrannt, damit jede Frau in diesem Land leben, lieben und entscheiden darf, wie sie es für richtig hält. Sie möchten entscheiden ob sie studieren und was und wo, wen sie heiraten, ob sie überhaupt heiraten, wann und mit wem sie Kinder wollen, wo sie arbeiten und mit wem, wen sie in ihre Entscheidungen mit einbeziehen und wen nicht. Wir haben noch nicht das Ziel erreicht, aber wir sind nah dran, Frauen dürfen in Deutschland freier leben als in vielen anderen Ländern, sie haben eine Stimme und verdammt nochmal, sie haben gelernt, sie einzusetzen und sie lachen dabei, sie haben keine Angst mehr, sie ducken sich nicht mehr, sie schnappen sich ihre Freiheit und zeigen ihr die Welt und sie lieben es.

Ich nehme an, du hast deine Gründe für diese Einstellung, verstehen kann und will ich sie jedoch nicht, nicht mehr. Mir ist der Unterschied zwischen einer natürlichen Geburt und einem Kaiserschnitt bewusst, aber wer bist du, dass du mich in meinem Leben beschneidest, dass du Entscheidungen für mich treffen möchtest? Gott? Meine Vorgesetzte? Meine Mutter? Es ist mein Körper, nicht deiner und es ist der meines Kindes und nicht deines und ich werde noch viele weitere Entscheidungen treffen, die nichts mit dir oder deinem Leben zu tun haben, Entscheidungen, die dir vielleicht genauso wenig in den Kram passen werden, was ist damit? Bei diesem Satz frage ich mich immer, wie eine Welt aussehen würde, in der jeder alles verbieten lassen könnte, was nicht in sein Lebenskonzept passt. Wir würden wohl nach wenigen Wochen alle in kahlen Höhlen mit nichts am Körper, verhungernd und elendig zugrunde gehend, der Menschheit Lebewohl sagen können. Stell dir vor, jemand käme auf die Idee, dir etwas zu verbieten, einfach so, weil er es für sich selbst als falsch erachtet, er wird dich nicht fragen, warum du dies oder jenes tust, es wird ihm egal sein, er möchte es nicht, Punkt, schwupps, verboten. Wie gesagt, wenige Wochen und wir hätten nichts mehr, niemand, weil es immer jemanden gibt, der sich an irgendetwas stört, dem es einfach nicht passt und der der Meinung ist, das kann weg, brauch ich nicht, raus damit, runter von der weltlichen Speisekarte.

Auch bei einem Wunschkaiserschnitt entsteht neues Leben – Kinder, die lachen, weinen, leben und lieben, sie haben Namen. Manche Frauen sehen in einem Kaiserschnitt die einzige Option, überhaupt Kinder in ihr Leben zu lassen, für diese Frauen bedeutet ein Wunschkaiserschnitt ein Leben, ein neues Leben, ein Stück Freiheit. Bei einem Kaiserschnitt kommen Babys auf die Welt, sie verwandeln sich dabei nicht in Zombies oder sind grün-rosa-gestreift, sie haben auch keine Hörner oder werden später einmal alle böse Verbrecher, die kleine Tante-Emma-Läden ausrauben. Es sind Babys. Welchen Unterschied macht es für dich, wo das Baby einer anderen geboren wird? Bekommst du davon Halsweh? Erhöht dein Vermieter die Miete? Wird dir der Strom abgestellt? Oder glaubst du, bei jedem Kaiserschnitt stirbt irgendwo ein Einhorn? Was macht das mit dir und deinem Leben, wenn eine andere Frau, hunderte Kilometer von dir entfernt, ihrem Baby in einem OP den ersten Kuss seines Lebens schenkt und nicht wie du, in einem Kreißsaal? Wie tief muss in dir ein Schmerz sitzen, der dich glauben macht, er würde weniger werden, wenn andere Frauen auf dem selben Wege ihr Kind zur Welt bringen, wie du es vorhattest? Wird der Schmerz dadurch erträglicher? Ich lese diese Sätze häufig von Frauen, die einen Notkaiserschnitt hatten. Mir persönlich tut das weh, ich fühle ihren Schmerz bis in meine Fingerspitzen und doch frage ich mich, wie kann man dann einer anderen etwas wegnehmen wollen, wenn man selbst gerade an so etwas zugrunde geht? Geteiltes Leid ist halbes Leid, oder wie? Findest du das wirklich richtig? Es ist dein Schmerz, befass dich bitte auch mit ihm, lass ihn zu und schiebe ihn nicht zu mir. Ich habe meine eigenen Schmerzen. Die meisten Entscheidungen im Leben werden entweder aus Liebe oder aus einem Schmerz heraus getroffen, bei einem Wunschkaiserschnitt trifft oft beides zusammen.

„Wenn du nicht spontan entbinden willst, wärst du mal lieber gar nicht erst schwanger geworden. Am besten, du treibst ab!“

Mein großer Sohn wird in wenigen Wochen 6 Jahre alt, er hat rotblondes Haar, er liebt es mit seinem Papa zu toben und seiner kleinen Schwester zarte Küsse auf ihre Stirn zu geben, er mag sein Müsli zum Frühstück und er freut sich, wenn er Trickfilme schauen darf, er kommt dieses Jahr in die Schule und wenn er groß ist, möchte er Polizist werden. Er ist mein Leben, der Grund warum ich morgens aufstehe, in der Schwangerschaft mit ihm lag er in Beckenendlage, es wurde ein Kaiserschnitt geplant. Doch auch ohne diesen Grund hätte ich mich genauso entschieden, mein Sohn hat es mir abgenommen, ich war nicht traurig, im Gegenteil, ich freute mich auf den Kaiserschnitt, den Tag seiner Geburt. Mein Mann und ich haben bewusst Kinder geplant, wir haben zwei wunderbare Wunschkinder, doch egal wie ich es drehte und wendete, ich wollte nicht spontan entbinden, das war für mich einfach keine Option, Gründe dafür hatte ich viele, aber Angst und Bequemlichkeit waren nicht darunter. Und nein, ich rechtfertige meine Entscheidung nicht vor dir, aber wenn du diesen Satz abschickst, dann sei so ehrlich und richte es an die, die du wirklich meinst, sag es diesen Kindern, komm zu mir und sage meinem Sohn, ich hätte ihn nicht bekommen dürfen, ich hätte ihn abtreiben sollen, weil seine Mutter sich nicht vorstellen konnte ihn natürlich zu gebären. Komm zu mir und sag es ihm in sein kleines süßes Gesicht. Könntest du das? Würdest du das wirklich tun? Ist ein Leben weniger wert, wenn es mit einem Kaiserschnitt beginnt? Denkst du das wirklich?

Stell dir vor, all diese Kinder werden geboren, per Wunschkaiserschnitt, sie gehen in einen Kindergarten, besuchen die Schule, treffen sich mit Freunden, sie werden zu Erwachsenen und stöbern im Internet und dann auf einmal lesen sie deine Worte, sie gehen zu ihren Müttern und fragen sie: Mama, warum wollte diese Frau nicht, dass ich lebe? Was hat sie denn davon? Freut sie sich nicht, wenn Frauen schwanger werden und Kinder bekommen? Was interessiert es sie überhaupt, wie ich geboren wurde? Wenn du also das nächste Mal mit deinem Kind im Kindergarten, der Schule, auf dem Spielplatz oder in der Krabbelgruppe bist, sieh dir die Kinder alle genau an und frage dich, welche von ihnen wären nicht auf der Welt, welche von ihnen würden jetzt nicht lachen und spielen, hätten ihre Mütter auf dich gehört und abgetrieben oder wären gar nicht erst schwanger geworden. Findest du Abtreibung und Kinderlosigkeit besser als sein Kind per Kaiserschnitt zu bekommen? Kannst du als Mutter, die ihre eigenen Kinder liebt und sie für nichts auf der Welt hergeben würde, wirklich damit leben, anderen Kindern ein Leben vorzuenthalten, nur weil die Entscheidung ihrer Mütter, nicht zu deinem Lebenskonzept passt? Wie dick müssen deine Mauern sein, wenn du sie nicht lachen hörst? Dein neuer Partner, die kleine Cousine, die Tochter deiner neuen Nachbarin, die freundliche Hebamme, die Verkäuferin deiner Lieblingsboutique, deine zukünftige Schwiegertochter, der Arzt, der deinem Kind bei einem Unfall in 3 Jahren das Leben retten wird, die einfühlsame Pflegerin, wenn du alt bist, die Architektin, die dein Haus plant, der Automechaniker, der dir einen Rabatt gewährt, weil er selbst Kinder hat und weiß wie knapp das Geld einer Familie sein kann oder einfach die besten Freunde deiner Kinder – all diese Menschen könnten Kinder von Frauen sein, die sich bewusst für einen Kaiserschnitt entschieden haben. Du wirst mit ihnen essen, trinken, lachen, leben und lieben, sie werden Teil deines Lebens sein, ob bewusst oder unbewusst und angesichts dieses Satzes, der so widerlich und lebensverneinend ist, geh in dich und denk an diese Menschen –  stell dir dein Leben ohne sie vor, wird es dir gelingen? Du könntest jeden Tag, jederzeit Menschen um dich herum haben, in deinem Leben und in dem deiner Kinder, deiner Enkel und Urenkel, Menschen, die nur existieren, weil ihre Mütter nicht auf solche Sätze reagiert haben und sich für ihre Kinder entschieden haben. Für ihren Weg. Diese Menschen, diese Kinder, sie leben nicht irgendwo, weit weg von dir, sie grüßen dich, wenn du das Haus verlässt, sie spielen mit deinen Kindern und schenken ihnen lebenslange, enge Freundschaften, sie sind bereits Teil deines Lebens, hier, genau jetzt, in diesem Augenblick. Und jedes Mal, wenn du diesen Satz aussprichst oder schreibst, beraubst du dich auch einem Teil deines Lebens, jedes Mal, immer und immer wieder. Und wieder frage ich dich, wie dick sind deine Mauern, wie groß muss dein Schmerz sein?

„Frauen, die sich einen Kaiserschnitt wünschen, sind schwach!“

Was bedeutet Schwäche? Wenn Schwäche bedeutet, auf sich und das eigene Bauchgefühl zu hören, in sich zu gehen und gegen gesellschaftliche Erwartungen zu kämpfen, mit Ärzten zu diskutieren um sich freiwillig in einen OP zu legen und sich bei Bewusstsein den Bauch öffnen zu lassen, dann bin ich wohl schwach und alle anderen auch. Stark ist, wer zu sich selbst steht, wer abwägt und sich nicht den allgemeinen Erwartungen ohne zu hinterfragen ausliefert. Schwach ist nur der, wer sich selbst aufgibt, um jemand zu sein, von dem man glaubt, dieser jemand sein zu müssen, für die Welt, die Gesellschaft, für alle anderen. Nein, wir sind vieles, aber mit Sicherheit nicht schwach. Nach einem Kaiserschnitt hat man Schmerzen und das nicht zu knapp, wir haben Narben und setzen unsere Körper ganz anderen Risiken aus, als in einem Kreißsaal. Nein, schwach sind wir nicht, wir sind stark, denn wir stehen zu unseren Schwächen und dazu, einen anderen Weg gehen zu wollen, auch wenn wir damit bei vielen auf Widerworte treffen und Sätze, wie deine, lesen müssen. Sätze, die uns verletzen und die uns zeigen, wer von uns beiden wirklich schwach ist. Wir sind es nicht!

„Wunschkaiserschnitte sind Egoismus pur!“

Denkst du das wirklich? Sind diese Frauen egoistische, nur an sich selbst denkende Monster, die ihren Kindern das wundervolle Erlebnis verwehren ein mal ordentlich durch den mütterlichen Geburtskanal geweht zu werden? Sind nur vaginal entbundene Kinder Kinder? Oder glaubst du einfach nur gerne den Medien, die ihren Lesern Glauben machen wollen, Studien hätten längst belegt, was alle ohnehin predigen? Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, bekämen öfter Diabetes, sie werden häufiger verhaltensauffällig, sie werden kleine dicke, dumme und dauerkranke, durchweg schreiende Kinder, die später nicht einmal das Abitur erreichen, weil sie nie gelernt haben, für das was sie wollen, zu kämpfen? Oder fehlt ihnen der wichtige Vaginalschleim der Mutter, damit sie mit 16 nicht anfangen müssen zu kiffen oder sich Flatratesaufen hingeben, anstatt Geige zu üben? Ist eine natürliche Geburt wirklich das Wundermittel, um aus jedem Kind ein noch besseres Kind zu machen? Ist es eine Garantie dafür? Glaubst du wirklich all diesen vermeintlichen Worten der Medien, die dir einreden zu versuchen, ein Kaiserschnitt wäre das Schlimmste, was einem Baby widerfahren könnte? Kein Kind bekommt Diabetes, weil es per Kaiserschnitt geboren wurde, es bekommt Diabetes, weil es durch die Gene seiner Familie bereits einem höheren Risiko ausgesetzt ist als andere oder vielleicht auch einfach, weil es mit 30 Jahren für 10 Personen frisst und sich die Birne wegknallt, Ursachen gibt es viele. Frauen mit Diabetes entbinden häufiger per Kaiserschnitt, das wird natürlich in den Medien nicht so offen genannt, weil es schlichtweg verraten würde, dass nicht der Kaiserschnitt am Diabetes Schuld hat, sondern die mütterlichen Gene und die Tatsache, dass sie eben wegen dieser Krankheit eher per Kaiserschnitt entbinden wird. Ein Erwachsener ist die Summe seiner Gene, seiner Erziehung und der Umwelt, der er sein Leben lang ausgesetzt war und nicht das Ergebnis seiner Geburt. Für die Kinder macht es keinen Unterschied wie sie geboren werden, sie möchten alle nur zu ihren Eltern, sie möchten kuscheln und haben Hunger, sie verstehen noch nicht was um sie herum passiert, sie können sich nicht einmal an diesen Moment erinnern. Aber ihre Mütter können es und hier komme ich wieder zu meiner Eingangsfrage. Denkst du das wirklich? Sind diese Frauen egoistisch? Nehmen sie ihren Kindern wirklich etwas weg oder sind Geburten am Ende für die Mütter wichtiger wie für die Kinder? Würden Babys wirklich die natürliche Geburt wählen, wenn sie könnten oder würden sie den Kaiserschnitt nehmen, weil sie wüssten, sie wären in wenigen Minuten bei Mama im Arm anstatt darauf noch 40 Stunden warten zu müssen? Der Gedanke ist romantisch, fragen kann man die Babys nicht. Alle Welt kann spekulieren, sie kann die Natur als Basis hernehmen und darauf ein Gedankenkonstrukt aufbauen, aber niemand kann wirklich sagen, wie die, um die es schließlich geht, dabei empfinden, was sie zu dem Ganzen sagen würden, wenn sie könnten. Fakt ist, es gibt keine Studie, die klar und eindeutig belegt, dass ein Kaiserschnitt einem Kind gezielt schadet oder dass durch eine vaginale Geburt enorme Vorteile entstehen. Unsere eigenen Empfindungen sind es, die solche Bilder malen, von Babys, die man aus ihrer Höhle reißt, einfach so, ohne Vorwarnung, dabei haben Babys nicht einmal ein Bewusstsein für das was passiert, sie verstehen es nicht und sie kämpfen sich auch nicht durch den Geburtskanal, sie werden durch die Wehen ihrer Mütter nach außen getragen, nicht mehr und nicht weniger. Letztlich sind wir es, die Erwachsenen, die den Babys andichten, sie brauchen eine vaginale Geburt um gesund, glücklich und stark zu sein, dabei ist das genauso entscheidend, wie die Farbe des Autos, in dem die Schwangere in die Klinik gefahren wurde. Und nein, das denke ich mir nicht aus, ich habe einfach nur die romantisch-verklärte Brille der Geburtshilfe abgenommen, das ganze Gesülze gestrichen und alles was über blieb, waren Eltern und ihr Baby und in beiden Fällen hat es den Körper der Mutter verlassen, in unterschiedlichem Tempo, und liegt nun in ihren Armen. Die Zwiebel der heutigen Geburtshilfe ist dick, sehr dick, man muss lange an ihr wirken, bis sie ihren kleinen realen Kern freilegt. Das Wichtigste im Kern sind ein gesundes Kind und zufriedene Eltern, die mit einem guten Gefühl aus der Erfahrung Geburt herausgehen und sich gerne daran zurückerinnern. Dies ist bei allen Geburtsformen möglich, in einem Geburtshaus, im Krankenhaus, im Kreißsaal, in einem OP oder im eigenen Wohnzimmer. Entscheidend dabei ist, dass sich vor allem die Mutter wohl fühlt und das Gefühl hat, dass genau das der richtige Weg für sie ist. Eine zufriedene Mutter ist die Basis für eine gute Mutter-Kind-Bindung und die ist für die Entwicklung um einiges wichtiger wie die Geburt an sich. Eine traumatische Geburt, die die Mutter nur so vollzieht, weil sie glaubt, es müsse so sein und am Ende unglücklich ist, wird diese Gefühle auf ihr Kind projizieren, genauso wie es Mütter tun, die einen Notkaiserschnitt erleben mussten. Ist das wirklich dein Wunsch? Eine natürliche Geburt ist nur dann das Beste für ein Kind, wenn die Mutter genau das empfindet, sie bildet die Basis für diesen Fakt, sie allein. Wenn sie bereit dafür ist, wenn sie mit Kopf und Herz dabei ist und sich ihrer natürlichen Bestimmung hingeben kann, dann und nur dann legt sie eine sichere Basis für alles, was noch kommt. Ist bereits in ihrem Kopf eine Blockade, aus welchem Grund auch immer, ist die Prognose für die Bindung zu ihrem Kind wesentlich schlechter, als bei einem Kaiserschnitt, mit dem sie sich so fühlt, wie die meisten vor einer natürlichen Geburt. Im Grunde ist eine ungewünschte natürliche Geburt genauso gefährdend wie ein ungewollter Kaiserschnitt und demnach sind beide Geburtsformen gleichermaßen einfühlsam zu betreuen und individuelle Umgänge damit zu veranlassen. Frauen brauchen Unterstützung, unabhängig von der Art und Weise wie sie entbinden möchten. Erkennst du das durch deine Mauer? Lass diesen Gedanken einfach zu, vielleicht bemerkst du, dass viele Frauen, die sich einen Kaiserschnitt wünschen, vielen anderen Frauen, die natürlich entbinden wollen, näher sind, wie du denkst.

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Wir sind alle Mütter, wir sollten uns nicht solche Sätze vor die Füße kotzen und wir sollten keine Mauern errichten, die uns von der eigenen Abscheulichkeit abschotten. Wer der Meinung ist, anderen etwas zu verbieten, obwohl es ihm selbst weder Vor- noch Nachteile verschaffen würde, wie nennt man so jemanden? Wie würdest du so jemanden nennen? Würdest du mit so einer Person befreundet sein wollen? Wer der Meinung ist, eine Frau sollte besser kinderlos bleiben, wenn sie nicht natürlich entbinden möchte, würdest du mit so jemanden gerne reden? Glaubst du, so eine Meinung macht die Welt besser? Haben die Kinder es nicht verdient zu leben? Macht es wirklich einen so großen Unterschied wie Kinder geboren werden oder sind sie nur für uns Mütter wichtig? Sind die Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, wirklich öfter krank, sind sie eher Schreikinder, werden sie öfter verhaltensauffällig, sind sie wirklich dümmer, benachteiligter und weniger widerstandsfähig, schaffen sie seltener das Abitur oder ist das was ihnen in ihrem Leben widerfährt einfach nur ein Mix aus ihren Genen, ihrer Erziehung und einfach, ja, dem Leben? Studien können dies nicht wirklich belegen, die Medien verzerren die Fakten. Was wirklich stimmt und was nicht, kann kaum einer sagen. Wie würden unsere Kinder wählen, wenn sie könnten? Wir wissen es nicht. Macht es für die Kinder einen Unterschied? Heutzutage bergen beide Geburtsformen ganz eigene Risiken und das nicht zu knapp, sterben können wir überall, leben aber auch. Manchen Müttern ist die Geburtsform wichtiger wie anderen, manche brauchen bestimmte Dinge, damit sich das Muttersein echter anfühlt, greifbarer, das ist absolut okay und verständlich und auch mich macht es wütend hinnehmen zu müssen, dass das Leben manchmal einfach ein absolutes Arschloch ist und den Frauen einen fetten Strich durch die Rechnung macht, aber gibt uns das einen Freischein, andere in ihrem Leben zu beschneiden, nur weil es uns übel mitgespielt hat?

Ich wünsche mir, dass du an meine Worte denkst, wenn du das nächste Mal dabei bist, einer Frau zu sagen, sie soll doch besser abtreiben oder ihr Entscheid gehöre verboten. Stell dir vor, in irgendeiner Parallelwelt sitzt du auf der anderen Seite deines Computers, du trägst ein Kind unter deinem Herzen und liest diese Worte und dann denkst du an die Vergewaltigung vor 10 Jahren, an deinen Ex-Mann, der dich geschlagen hat und du daraufhin euer erstes gemeinsames Kind verloren hast, an die Worte deiner Mutter, die dir erzählte, wie sie dich mit der Saugglocke geholt haben und sie dabei so gerissen ist, dass jeder Mann, der sie so das erste Mal sah, erschrak, an deine beste Freundin, die sie im Kreißsaal ausgelacht haben, als sie vor Schmerzen schrie und mit der du ein Jahr lang die Tränen geteilt hast, weil ihr Baby tot zur Welt kam und niemand auf sie hatte hören wollen, an deinen Vater, der im Sterben liegt und seinen Enkel kennen lernen will, an den Moment, als dein erstes Kind bewusstlos zur Welt kam, blau war und die ersten Wochen nicht bei dir sein konnte, weil es auf die Intensivstation musste, an deinen Freund, der seit 3 Monaten in Afghanistan kämpft und sich nichts sehnlicheres wünscht, als bei der Geburt seines Sohnes dabei sein zu dürfen, an deinen kleinen Bruder, der seit seiner Geburt schwer behindert ist, weil die Ärzte zu spät bemerkten, dass er nicht genug Sauerstoff bekam, an die Angst, die dich lähmt, an den Wunsch, ein eigenes Baby im Arm zu halten, an die Hürde, die die Geburt für dich darstellt. Denke daran, bevor du diese Sätze tippst, schließe die Augen, reiß die innere Mauer nieder und überlege dir genau, was für ein Mensch du sein wolltest, als du ein Kind warst, als du jung warst, als du das erste Mal bei deiner Gynäkologin diesen süßen kleinen schlagenden Punkt bewundern durftest und sich dieses Geräusch seines Herzschlages für immer in deinen Kopf gekuschelt hat. Denke darüber nach, was für ein Mensch, was für eine Frau, was für eine Mutter du wirklich sein möchtest und entscheide dich. Doch denke daran, wie auch immer du dich entscheidest, ich werde da sein, immer, irgendwo, in deiner Nähe und egal wie müde es mich macht, ich werde nie aufhören für diese Frauen da zu sein, an die sich deine Worte richten und ich werde alles tun, um dich zum Schweigen zu bringen, damit wir irgendwann alle einfach wieder Mütter sein können, alle gemeinsam und jeder für sich. Denn Mütter sind Mütter, sind Mütter!“

Nancy Bujara