Denn sie wissen nicht was sie tun – Revolution im Lollypopnebel

von | 22.08.2016 | Wunschkaiserschnitt | 0 Kommentare


 

Kennst du das? Du betrittst ein Zimmer, in dem sich eine Hebamme oder ein Arzt aufhält, du erzählst ihm oder ihr von deinem Wunsch nach einem Kaiserschnitt und als hätte sich in diesem Moment eine neue Galaxie zwischen dir und der anderen Person aufgetan, lässt diese eine verbale Lawine auf dich nieder – Du bist wie alt? 20? 30? 40? Du hast einen Schulabschluss, einen Beruf erlernt, studiert, stehst mit beiden Beinen im Leben, bist fähig im Laden die richtige Summe an der Kasse auszulegen und kannst deine Waschmaschine im Schlaf bedienen, du kannst auch schon alleine Pipi machen, ohne deinen Eltern Bescheid zu geben? Ja? Na dann bist du offenbar schon ein großes Mädchen und damit sehr gut in der Lage Dich alleine zu einem Thema zu informieren und aus den Erkenntnissen daraus eine Entscheidung zu treffen, mit der du gut leben kannst und erwartest, dass dein Umfeld dich in all Deinem erwachsenen Glanze auch wahrnimmt und diesem Respekt zollt?

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Dann muss ich dich leider enttäuschen, denn sobald im Bauch einer Frau ein Kind heranwächst, ist all das egal, denn es ist, als wäre sie wieder 8 Jahre alt und wüsste es nicht besser. Jeder um dich herum weiß genau, was gut für Dich ist, für Dein Kind, Deinen Körper, überhaupt, für Dein ganzes verdammtes Leben. Dein Leben, worüber du bis zu diesem Moment die volle Kontrolle hattest… ganz zu Beginn hast du sie, frisch hormongetränkt, wie du warst, in irgendeinem Wartezimmer liegen gelassen und sie seitdem nicht wieder gefunden. Ich sag es dir nur ungern, aber die ist futsch, weg, geschreddert, die bekommst du auch nicht zurück, denn selbst wenn du die Schwangerschaft gut überstehst, die Geburt meisterst und dich nach der Elternzeit zu einer gestandenen Mami hochlevelst, die mit Anmut mit KITA und Job jongliert, wirst du diesen grauen Schleier, der zwar blasser geworden ist über die Jahre, aber immer noch da ist, nie wieder los, nie, nie wieder, du hoppst mit dem in die letzte große Kiste deines Lebens. Doch vor allem in der Zeit, in der du ein sprechender Brutkasten bist, wirst du ihn spüren, beinah schwarz, rauchig und ekelhaft riechend, legt er sich um dich herum, erdrückt dich und scheint hypnotisch und manipulierend alles und jeden um dich herum zu verändern.

Dass eine Frau nach einem Gespräch mit einer Hebamme oder einem Arzt nicht noch einen Lolli überreicht bekommt, dazu ein paar Sätze darüber, wie tapfer sie heute war und wie fein sie zugehört hat und am Ende noch ein Handstrich durch ihr Haar, scheint nur der Tatsache geschuldet zu sein, dass es am Geld dafür mangelt, denn zumindest verbal ist die Grenze dazu oft fließend. Achtjährige, gefangen in den Körpern schwangerer, erwachsener Frauen. Mädchen, die keine Mädchen sein wollen, die wissen, dass sie keine mehr sind, schon lange nicht, die sich als Frau annehmen und alles so fühlen, denken und wahrnehmen wie erwachsene Frauen, doch der Schleier macht sie unsichtbar für viele andere, ihr reifes Gesicht verschwimmt zu dem ihres achtjährigen Ichs und unfähig, hinter diesem die Frau zu sehen, sprechen viele nur noch mit dem Mädchen in ihnen, nicht alle, aber viele, sehr viele, also echt viele.

Das glaubst du mir nicht? Wie viele Kinder hast du schon bekommen? Wie genau hast du dabei darauf geachtet, wie sich die Menschen um dich herum verändern während deiner Schwangerschaft? Wie viele sprechen dich mit „Mama“ an, verniedlichen unnötig Begriffe und antworten in deinem Namen oder wollen dir einreden, dass sie besser wüssten, was gut für dich ist, als du selbst? Es mag Frauen geben, denen der schwarze Schleier nicht viel ausmacht, manche jedoch werden von ihm erdrückt und an und für sich sollte es Forschungseinheiten geben, die sich damit befassen, gegen ihn vorzugehen, es gibt sie aber nicht. Es ist normal einer Schwangeren bestimmte Kompetenzen völlig abzusprechen. Sie wird zu einem Gefäß, welches sich beliebig füllen lässt mit allerlei Meinungen, gut gemeinten Ratschlägen und Ablaufplänen für alles, was zwar auch irgendwie so ein wenig für sie selbst wichtig ist, aber sie ist ja nur ein Gefäß, eine Vase und keine teure für tausende Euronen, nein so eine ganz billige Ikea-Vase, wie es sie millionenfach gibt – und was könnte einer Vase schon wichtig sein? Weiß nicht auch eine Floristin besser Bescheid welche Blumen sich wie in einer Vase machen? Richtig. Eine Vase hat nichts zu melden. Willkommen im Welt der Vasen, du bist Vase Nummer 3241369, stell dich also irgendwohin, sieh gut aus und mucke bloß nicht auf, wenn du befüllt werden sollst. Du bist eine Vase, verdammt nochmal und egal was du vorher warst, jetzt bist du eine Vase, also verhalte dich gefälligst wie eine Vase. Sei eine gute Vase, dann hast du Glück und darfst vielleicht, aber nur vielleicht, die Wassertemperatur bestimmen, an einem guten Tag, wenn es nicht regnet und der Baum ganz links neben deiner alten Schule an dem Tag kein braunes Blatt fallen lässt, dann eventuell, vielleicht, mal schauen…

Mag es beim eigenen Partner vielleicht noch niedlich sein, wie er sich von einem gestandenen Mannsbild zu einem völlig gluckenhaft verhaltenden Volldeppen mutiert, der dich bemuttert wie ein rohes Ei, was selbst beim Brote schmieren platzen könnte, dann ist so ein Verhalten bei einem Arzt oder der dich betreuenden Hebamme eher verstörend und fehl am Platz. Doch auch sie täuscht der Schleier und das nicht zu knapp. Sie wissen besser, was gut für dich ist, denn alles was sie sehen, ist eine Achtjährige mit einer Vase in der Hand. Wer würde ihr schon zutrauen genau zu wissen, was zu tun ist? Richtig, kaum jemand, also kann sie ja froh sein, wenn so viele richtig kluge Erwachsene sich ihrer annehmen und ihr helfen, die ganzen bösen Entscheidungen zu treffen, zu denen sie ja noch nicht fähig ist. Die Geburt zu planen wird damit jedoch nur allzu oft zu einem verbalen Spießrutenlauf, ausweichen kaum möglich, wie auch mit dieser verdammten Vase in den Händen. Und nicht nur das, du bekommst keine Ratschläge, sondern Befehle, so formuliert, dass du im Grunde gar keine andere Wahl hast, als sie zu befolgen. Und wie man es oft mit Kindern macht, wird dabei übertrieben und alles ein wenig ausgeschmückt, Fakten werden zu bedrohlichen Worst-Case-Szenarien, die dir dein ganzes Leben ruinieren werden, also mit Sicherheit, ganz bestimmt sogar, gut, man weiß es nicht, aber ja, es wird fühühühühürchterlich, genau, das wird es… die Hölle auf Erden, die apokalyptischen Reiter werden an dir vorbeireiten und das Ende der Welt einläuten und irgendwo wird Vin Diesel irgendeine Olle aus einem Wagen ziehen, bevor der in eine Schlucht stürzt, weil, na ja, er sieht echt scharf aus wenn er diesen „Baby, ich werde nicht zulassen, dass du stirbst-Blick hat“ und irgendeiner muss doch die Welt retten, wenn du sie schon mit deinen dümmlichen Bedürfnissen niederreißen musst, also echt mal, so verhält sich keine gute Vase…

Was da hilft, fragst du dich? Also Vin kann ja nun nicht die Lösung sein, logisch, aber einfach so reif wie möglich aufzutreten, garantiert noch lange keine klare Sicht auf deine innere Fraulichkeit, aber du kannst das Mädchen in dir einfach ein paar Jahre älter machen, du setzt ihr eine kluge Brille auf, verpasst ihr ein Lippenpiercing und ein paar nuttige Stiefel, etwas Schminke, ein süßliches Parfum und eine Kippe zwischen die angemalten Lippen und vielleicht verdeckt der Schleier nach wie vor das was du wirklich bist, aber zumindest lässt sich die Kleine in dir nun nicht mehr verarschen. Kannst du vielleicht nichts an der Existenz des Schleiers ändern, dann mache aus ihm wenigstens einen bunten, nach Vanille duftenden Lollypopnebel, schwebe dahinter in all deiner sexy Frauheit, schreite in den Raum voller Hebammen und Ärzte, schnapp dir deine Kleine, nimm sie an die Hand und schreit so laut Ihr könnt:

Verpisst euch with the Lollypops, i`m a fucking big, big girl, so lasst mich reden und give me the verdammten Kaiserschnitt, all your money oder whatever i noch so will, Doctor nobody!

Grüße von Vase Nummer 3241368 – die ganz vorne, mit silbernem Glitzer überzogen und Black Hello Kitty Aufklebern drauf, nicht zu übersehen, nicht zu überhören…