Die natürliche Geburt ist für Mutter und Kind immer das Beste! Nicht.

von | 23.01.2016 | Wunschkaiserschnitt | 0 Kommentare


 

„Die natürliche Geburt ist für Mutter und Kind immer das Beste!“

Diesen Satz hat doch jede Mutter schon einmal irgendwo gelesen oder gesagt bekommen. Von einem Arzt, der Hebamme oder der Nachbarin im Hausflur. Ich könnte mich jetzt einreihen, geschrieben wäre er schnell, und mich danach kichernd auf meinem Drehstuhl herumwirbeln, aber dann müsste ich dich belügen und das mag ich noch viel weniger, wie die Aussage hinter diesem einfachen kurzen Satz, in dem so viel ekelerregende Pauschalisierung steckt, dass es mir hochkommt, sobald er sich in meine Nähe wagt.

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Es hat sich eingeschlichen, ganz langsam, in die vielen Arztpraxen, in die Kliniken und Ärztehäuser und zuletzt in die Köpfe derer, die darin arbeiten, wie ein Virus, das sich still von Opfer zu Opfer gearbeitet hat, infizieren konnte es genug, leider – pauschale Lösungen für die Patienten, für uns alle. Tür auf, Guten Tag, Rezeptblock im Copy & Paste-Modus, Auf Wiedersehen, Tür zu, der Nächste bitte. Und irgendwann waren wir angekommen – im nicht mehr so menschlichen alle-immer-niemals-Land. Und natürlich hat diese Entwicklung auch vor den Geburtsstationen und gynäkologischen Praxen nicht Halt gemacht, im Gegenteil, sie wurde hereingelassen und kaum einer hat es gewagt, sich ihr in den Weg zu stellen. Manche Mediziner beherrschen die alle-immer-niemals-Sprache fließend, als wären sie in dem besagten Land geboren und hätten es mit der Muttermilch aufgesaugt oder sie haben zu oft Urlaub dort gemacht, ähnlich der Auswanderer, die irgendwann ihre Muttersprache nicht mehr beherrschen und ein verbales Durcheinander von sich geben, sobald sie unsicher werden. Gern benutzter O-Ton dieser vom Virus Befallenen: Die natürliche Geburt ist für Mutter und Kind immer das Beste und niemals kann ein Kaiserschnitt das Beste für beide sein, denn selbst wenn es der einzige Weg war, beide zu retten, ist und war es keine natürliche Entbindung. Tja, Pech gehabt, liebe Mütter, denn wenn der Weg zum Kind im OP-Saal endet, bleibt der Start der eigenen Mutterrolle auf dem elitären Mütterolymp verwehrt. Tür zu, du kommst hier nicht rein. Niemals. Chance vertan.

Pauschalisierungen sind gefährlich, doch wir alle haben zugelassen, dass sich diese Sprache in unsere Köpfe schleichen und unser Handeln und Denken anderen gegenüber beeinflussen konnte. Wenn man seinem Arzt gegenübersitzt, will man so vieles hören, nur keine Pauschalaussage, die Oma Erna und Onkel Willi vor uns auch schon zu hören bekommen haben. Wir wollen gesehen werden, in unserem großen Ganzen, mit all unseren Ängsten und Fehlern, mit unseren Schwächen und Makeln, mit all dem, was uns zu Menschen macht. Angst zu haben ist kein Fehler, es ist auch kein Symptom, was sich mit einer Pille mal eben wegklicken lässt wie ein lästiges Pop-up. Es liegt in unserer Natur Angst vor dem Unbekannten zu haben, vor den kleinen, grünen Männchen im unendlichen Weltall, vor den Geistern unserer Ahnen in einem großen, knorrigen alten Haus, vor dem dunklen, kalten Keller, in dem ein Sack Kartoffeln aussieht wie Gollum höchstpersönlich und eben auch vor diesem großen Moment, in dem aus einer Frau eine Mutter wird. Die Zeit der Schwangerschaft und der Geburt eines Kindes ist das wahrhaftige, große Erlebnis im Leben einer Frau, was sie so sehr mit sich selbst konfrontieren lässt wie kaum etwas anderes zuvor oder danach dazu imstande wäre. Schwanger zu sein verändert eine Frau, sie wird nicht nur dick und rund und am Ende plumpst ein Baby aus ihr heraus – diese Zeit in ihrem Leben setzt Gefühle frei, die vorher tief verborgen in ihr schlummerten, als wären sie nur für diese Zeit gemacht und warteten brav auf ihren Einsatz um herauskommen zu dürfen. Und ein Baby zu entbinden ist nichts, was sich mit irgendetwas vergleichen lässt, es ist etwas Einzigartiges, Atemberaubendes, ein den Körper mit Hormonen und Gefühlen durchschüttelndes Erlebnis, was sich nicht mal eben so zwischen lauwarmen Milchkaffee und den neuesten Tatort mit Til wie hieß er noch gleich schieben lässt. Und es fühlt sich auch nicht so an. Niemals. Für niemanden.

In einem Kreißsaal treffen nun diese beiden Welten aufeinander, nein, anders ausgedrückt, sie prallen mit voller Wucht aufeinander und verletzen sich, richten Chaos an und vernichten. Ich bin ich und du bist du, höchstwahrscheinlich auch eine Frau, wie ich es bin oder ein Mann, so wie mein Ehemann, der an meiner Seite saß bei der Geburtsplanung, der meine Hand im OP hielt und immer an meiner Seite war. Ein Mann, ein Vater, der seiner Frau beistehen will und das Glück, dass sie beide in einem neuen kleinen Wesen zu einer Person verschmelzen, kaum fassen kann, wenn er sein Ohr auf den Bauch seiner Liebsten drückt und auf einen Puffer aus dem selbigen hofft. Und nun sitzen da zwei Menschen in einem Raum voller medizinischer Geräte, die sie nicht verstehen, mit all ihren menschlichen Makeln, Schwächen und Ängsten und dann legt sich dieser Satz wie ein widerlicher Nebel plötzlich um sie herum. Sie schlucken, husten, zucken erschrocken zusammen und suchen in ihren Köpfen nach den passenden Worten. Beide.

„Die natürliche Geburt ist für Mutter und Kind immer das Beste!“

Und dann horchen die beiden tief in sich hinein und fragen sich, wo bin ich in diesem Satz, wo sind wir? Wo ist mein, unser Kind? Wo sind darin unsere Ängste und Sorgen? Wo liegen darin meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft als Frau und Mutter? Die Antworten darauf sind darin aber nicht zu finden, denn sie sind in diesem Satz nicht vorgesehen. Pauschalisierungen sind gefährlich. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich kann es nicht oft genug sagen. In der Geburtshilfe dürfte es keine alle-immer-niemals-Sprache geben, sondern nur ein Du oder ein Ihr, ein Wir, ein Ich. Immer.

Manche Frauen sterben, manche sehen beim Sterben zu, manche glauben, sie müssten sterben, andere unterschreiben vor dem großen Tag innerlich ihr Testament und manche tun es tatsächlich. Ein Kind zu bekommen, bringt jede Frau näher an den Tod heran, als sie glauben will. Umso mehr ärgert mich dieser Satz, denn es macht das Pauschalisieren noch viel übler, als es schon ist. Denn wenn sich eine Frau schon so nah an Gevatter Tod heranwagen muss um ihr Glück zu finden, dann sollte sie auch die Spielregeln bestimmen dürfen. Mutter Natur kann nicht denken, sie kann auch nicht fühlen, sie ist kein Mensch, sie hat keine Seele und egal, in wie vielen Grüntönen sie in Trickfilmen erscheint, meist etwas rundlich mit Blättern im Haar, umgeben von Schmetterlingen und Rehen, in Wahrheit ist Mutter Natur eine ganz böse Tante. Sie lässt Menschen krank werden, sterben, sie selektiert vor, während und nach einer Geburt stetig aus, sie wählt die Elite, und wenn jemand drauf geht, dann ist das so, denn genau das ist ihre Aufgabe und der Tod ist nur einer ihrer vielen Angestellten. Mutter Natur ist keine Heilige, die jeder Frau eine schnuckelige rosa Vagina schenkt, durch die sie ihre Babys schweben lässt. Sie ist nicht berechenbar und verschickt keine Verlaufsprotokolle vor dem großen Termin. Niemand weiß, was kommt. Niemals.

Was will ich dir damit sagen? Eine natürliche Entbindung ist doch so vorgesehen, denkst du, Mutter Natur hat sich was dabei gedacht – natürlich hat sie das, denn selektieren kann sie schlecht in einem OP, randvoll mit Ärzten, die ihr die Arbeit abnehmen und Gevatter Tod in die Teilzeitbeschäftigung treiben. In unserer Natur sind viele Prozesse vorgesehen, denen die Menschen heutzutage mit allem, was ihnen zur Verfügung steht, entgegen zu wirken versuchen. Das meiste was die Menschen heutzutage tun, hat oft nur noch bedingt etwas mit unserer menschlichen Natur zu schaffen, doch bei keinem anderen Thema wie dem der Geburt eines Kindes wird beinah schon selbstverständlich die „back to the roots-Karte“ ausgespielt. Auf ihrer Rückseite eine Frau, gebärend, ohne Pda, nackt, im Hintergrund zwitschern die Vögel und auf einem blutigen Handtuch sitzt sie als frischgebackene Mutter, die ihr verschmiertes Bündel an sich drückt. Ein Traum. Nicht für alle.

Babys bleiben stecken, im Geburtskanal, sie kommen nicht voran, die Nabelschnur wickelt sich um ihre kleinen Hälse und drückt ihnen mit jeder Wehe ein Stück weiter die Luft ab, ihre kleinen Schultern pressen sich gegen die Knochen ihrer Mama und Gevatter Tod reibt sich die Hände, angesichts der anstehenden Gehaltserhöhung, doch für sie gibt es zum Glück den Plan B – B wie Notkaiserschnitt, B wie besser, B wie das Beste für sie, B wie das Beste für sie beide, für Mutter und Kind. Immer.

Mütter, die krank sind, ausgebrannt vom Leben, unter ihnen Borderlinerinnen, Übergewichtige, Magersüchtige, Angstpatientinnen, Frauen, die schon lange vor ihrer Schwangerschaft von ihrem Körper betrogen und vom Leben im Stich gelassen wurden oder einfach Frauen, die genug gesehen, erlebt, gespürt und erfahren haben, um sich die Reise namens Geburt nicht einmal vorstellen zu wollen – nun sind sie schwanger und können mit dieser Karte in ihrer Hand nichts anfangen. Für diese Frauen gibt es den Joker, den Ausweg, den Kaiserschnitt, Plan B – B wie Wunschkaiserschnitt, B wie das Beste für sie. Für diese Frauen und ihre Kinder ist eine natürliche Geburt eben nicht das Beste. Frauen, die wider ihrer eigenen Natur handeln sollen, um entsprechend der Natur zu handeln – ist das so gewollt? Ist das noch natürlich? Wird aus Minus und Plus eigentlich Plus? Nicht unbedingt, nicht immer, es gibt keine pauschale Antwort darauf und das ist gut so. Betrachtet man eine Frau in ihrem großen Ganzen, in all ihrer Schönheit, in ihren Wünschen und Ängsten, mit all ihren Macken und Krankheiten, mit all ihren Päckchen, die sie in jedes Gespräch mit einem Arzt mitbringt und im Kreißsaal in die Waagschale ihres Entscheidungsweges wirft, dann, ja dann sieht man sie, man sieht sie wirklich und jeder Arzt, der heute noch diesen Blick beherrscht und sich diesen noch nicht von den alles-immer-niemals-Kollegen hat nehmen lassen, der sieht in ihr das, was sie wirklich ist – eine Frau, die viel zu wahrhaftig, viel zu schön, viel zu komplex ist, als dass er sie mit diesem Satz einfach abspeisen könnte. Niemals.