Seite auswählen

Ein Universum in Pixeln – das schönste Kaiserschnittbild ever

von | 14.03.2019 | Wunschkaiserschnitt | 0 Kommentare


Das Internet ist ein unendlicher Quell an Bildern, aber es gibt nur sehr wenige, mit denen ich wortlos beschreiben könnte, wer und was ich bin und tue, Tag für Tag. Als ich das durch die sozialen Medien weltbekannte Bild einer Mutter, die ihr Baby auf ihrem Schoß liegen hat und den Blick auf ihre Kaiserschnittnarbe freigibt, fotografiert von Helen Aller, vor einiger Zeit zum ersten Mal sah, war ich überwältigt, sprachlos und unfassbar hingerissen, sofort war ich fasziniert von der unendlichen Ausdrucksstärke, die es in sich trägt. Bis heute hat meine Faszination für dieses Foto nicht nachgelassen, im Gegenteil, ich bin immer wieder aufs Neue bewegt und berührt und ja, ich wünschte, ich hätte so ein Foto mit meinen Babys in meiner eigenen Fotosammlung. Hier und jetzt möchte ich meine Emotionen und Gedanken gerne mit euch teilen… heute mal ganz sanft und leise und weniger laut und fordernd wie sonst und ja, das kann ich auch, könnt ihr mir glauben…

Kaiserschnitt-Narbe einer Mutter, auf Facebook gepostet. Wasserzeichen nicht entfernen! (Foto: Helen Aller)

 

In den letzten Jahren habe ich unglaublich viel gesehen… und mit viel meine ich viel. Geburtsfotos, in bunt und schwarzweiß, Videos von Kaiserschnitten, von natürlichen Geburten im Kreißsaal, in Waldstücken, Vorgärten und Badezimmern und eine reale vor mir ablaufende Kaisergeburt… Vaginas, blutverschmierte Babys und offene Bäuche, soweit die Augen reichen, alles auf Zoom und unzensiert. Nicht zu vergessen die kaiserlichen Geburten meiner eigenen beiden Kinder. Gut, meine Schmerzgrenze bei solch detailreichen Bildern ist recht weit hinten angesiedelt und ich kann mir das alles ansehen ohne das sich mein Kopf sofort dagegen wehrt aber das ein oder andere Bild hat sich auch in den Tiefen meines visuell tickenden Hirns regelrecht eingraviert, manche negativ, andere positiv. Doch dieses Bild von Helen Aller schaffte es sofort in meine persönliche Top 10, auch wenn die Geschichte hinter dem Bild nicht ganz zu dem passt, wofür ich einstehe, zumindest nicht auf den ersten Blick. Diese Mutter auf dem Foto hatte Angst vor einem Kaiserschnitt, sie wollte natürlich entbinden und wie so viele andere auch hatte sie Pech, es wurde nix daraus und es kam zu einem Notkaiserschnitt, das Leben von ihr und ihrem Baby war in Gefahr. Umso schöner aber macht es dieses Bild. Diese Harmonie von Mutter und Kind auf dem Bild ist unglaublich stark und überschüttet den darauf Blickenden regelrecht mit Liebe, sie sind gleichsam getrennt und doch vereint, stark und verletzlich im selben eng verknüpften Augenblick, in dem dieses Foto entstand. Mir ist bisher kaum ein stärkeres Bild begegnet.

Wenn mich eine Frau, die gerade ein Kind erwartet, fragen würde, wie sich der Moment anfühlt, in dem man Mutter wird, würde ich ihr dieses Bild zeigen wollen. Da, sieh es dir an. Jede nur denkbare Antwort liegt in diesem Bild, auch deine. Dieser Moment ist Leben, Liebe, so unendlich viel Liebe, aber auch Zerbrechlichkeit, Sterblichkeit, Endlichkeit, Zeit, Geborgenheit, Sicherheit und Verletzlichkeit… in diesem Moment legen wir alles was wir waren, was wir sind und je sein werden vor uns auf einen Tisch und bleiben nackt zurück, mit nichts ist dieser Moment zu vergleichen. Der Augenblick, in dem man sein Baby das erste Mal sieht, spürt, riecht und berührt ist atemberaubend. Und dann, wenn sich diese winzig kleinen Finger um den eigenen, riesig erscheinenden Daumen, legen und uns im Moment eines einzigen Herzschlags uns selbst mit unserer eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konfrontieren lassen, blicken wir auf uns, nackt und verletzbar. So unwirklich, so klein und doch so gewaltig ist dieser Moment… als würde man durch ein winzig kleines Schlüsselloch hindurchblicken und ein ganzes Universum sehen. Und dann ist man Mutter… einfach so, bäm, und so schnell, wie dieser Moment kam, so schnell ist er auch wieder verstrichen und diese winzig kleinen Finger sind gewachsen und betteln darum keine Hausaufgaben machen zu müssen… und dann muss man die Augen manchmal schon etwas enger zusammenkneifen um das Universum zu sehen aber es verschwindet nicht, es wächst ebenso und es verändert sich, bekommt seine eigenen Farben und Sternkonstellationen… doch angefangen haben sie alle als die winzig kleinen Finger, die sich um unsere legten und unsere Seelen neu definierten…

Eine Geburt, unabhängig ob per Kaiserschnitt oder natürlich, legt Seiten in einer Frau frei, die davor verborgen waren, es überzieht sie mit ganz neuen Farben und lässt sie in einem völlig neuen Licht schimmern. Keine Frau auf dieser Welt ist nach der Geburt eines Kindes noch die Frau, die sie vorher war. Eine Geburt verändert alles und nichts, gleichermaßen, ohne jeglichen Widerspruch in sich. Im Kern ist man immer noch die Frau, die man war, lange bevor man schwanger wurde, doch um diesen Kern herum hat sich eine süße, weiche Hülle gelegt, in Glitzer und Sternenstaub getaucht, so wie Schokolade um eine Nuss, die sie einschließt, sie umhüllt, aus ihr etwas ganz Neues, ganz Eigenes zaubert, ohne sich selbst dafür verändern zu müssen. Ja, Mädels, wir sind keine Mütter, wir sind Pralinen, mit einer schokoladigen Hülle und einem wunderbaren Kern. Nun wissen wir alle, wie viele unterschiedliche Pralinen es auf diese Welt gibt… manche sind süß, andere herzhaft, es gibt sie mit vollmilchigem Edelrahmgeschmack oder mit salzig bitterem Abgang im Zartbittermantel… für alle Frauen, die noch nicht entbunden haben, hier die Info des Tages: Die Geburt eines Kindes gibt uns keinen Freibrief, mit dem wir uns, wie in einer Fabrik, die leckerste und tollste Hülle zusammenstellen können, wir werden damit überzogen, egal ob es uns schmeckt oder nicht, an dem Fakt lässt sich nicht rütteln. Natürlich träumen wir alle von unserer Lieblingsschokolade… wir stellen sie uns vor… mindestens 9 Monate lang… feinste Milchschokolade, Mandeln und ein Hauch von Salz, weich und zart, so unfassbar köstlich, dass wir glauben, davon niemals genug bekommen zu können und dann… steht man unter dem Trichter für Edelbitter 90% mit Chili und will am liebsten schreiend im Kreis rennen… doch egal, unter welchem Trichter man landet, es endet immer mit einer Hülle, ob hauchdünn oder in mehreren Schichten aufgereiht und damit umzugehen, sich mit dieser Hülle zu arrangieren ist nicht immer einfach… doch Moment, wir können schon mitreden… hoffen und beten war mal, heute gibt es wählen und hoffen, wir können wählen… dafür gibt es zwar den süßsauren Aufpreis, aber das ist es oft genug wert…

Worauf will ich hinaus? Was sehe ich auf diesem Bild? Ich sehe Bitterschokolade, mit Rosinen, auf den ersten Blick ungenießbar, doch dann… dann kam die Fotografin und hat diese traurig zerbrechliche Süßigkeit in ein Licht gerückt, mit dem die Mutter eine völlig neue Perspektive auf ihre Hülle präsentiert bekommt und damit nicht nur sie. Sie wollte keine verdammten Rosinen, mit denen wird sie leben müssen, aber jetzt wirken sie nicht mehr ungenießbar und unverdaulich, sie haben Geschmack bekommen, geben der Bitterschokolade einen leckeren saftigen Touch, mit dem sich leben lässt. Zaubern können wir alle nicht, aber uns drehen, um etwas, bis der Blickwinkel passt. Und dieses Foto ist der Beweis. Diese Perspektive zeigt, dass Wunden heilen können, dass wir alle diesen einen Blick haben, mit dem die Welt nicht mehr untergeht. Es darf weh tun, keine Frage, Schmerz ist ein Teil von jedem von uns, aber er darf uns nicht beherrschen, nicht die Oberhand gewinnen und wenn das bedeutet aus popeligen Rosinen eine Delikatesse zu zaubern, dann schaffen wir auch das. Wenn nicht wir, wer dann? Doch es zeigt viel mehr… für jeden Betrachter ein eigenes kleines Universum. Ich hatte zwei wunderschöne, gewollte Kaiserschnitte, ich stand unter dem für mich richtigen Trichter, ich hatte Glück und ich bin unfassbar dankbar dafür, ich sehe in dem Bild immer ein Stück meiner Kinder, ich sehe ihre süßen schokoladigen Knopfaugen, die mich gerne zurückdenken lassen an diesen Moment, in dem sie mich zu dem gemacht haben, die ich heute bin… ihre Mama.

Nein, heute mag ich nicht schimpfen und mahnen, wie ich es sonst gerne tue, heute möchte ich einfach mal nur fühlen… in mich hinein, in euch, in alles, was mich umgibt wenn ich dieses Foto sehe. Denn in seinem Kern steckt auch die Wahl, für die ich einstehe, doch auch die Enttäuschung, das Erleben der Geburt, die Frau, die das Kind bekommt. Denn es ist, wie es ist, wir alle haben eine Wahl und das ist wundervoll, wir sollten das feiern. Denn auch wenn keine von uns weiß, unter welchem Trichter sie am Ende landet, so haben wir doch die Wahl, in welche Fabrik wir gehen… und die Wahrscheinlichkeit mit einer für uns leckeren Hülle den Ausgang zu nehmen, ist nun mal größer, wenn ich mir eine Fabrik suche, in der ich eine für mich passende Hülle vermute. Das zu akzeptieren fällt einem Großteil der Gesellschaft immer noch schwer, warum auch immer, aber umso mehr freut es mich, dass sich die Zeiten wandeln und der Gegensturm immer mehr abnimmt, auch wenn es immer noch ein Unding zu sein scheint, zu wählen… als Frau, 2019, das zu schreiben allein macht mich sprachlos und entsetzt mich. 2019 und immer noch müssen Frauen sich rechtfertigen, wenn sie etwas für sich selbst entscheiden wollen, nicht nur beim Thema Geburt… manchmal würde ich gerne ein paar hundert Jahre zurückgehen und mit Frauen reden, die keine Wahl hatten, die einfach mussten, die keine Stimme hatten, keine Optionen, noch nicht einmal ne verdammte PDA… und die oft nicht mehr Bedeutung hatten als reine Gebärmaschinen zu sein… und ihre Spuren tragen wir alle immer noch in uns. Denn wenn ich es bis aufs Kleinste herunterbreche, bleiben wir alle nur Gebärmaschinen, die sich wie Käfer auf dem Rücken liegend in den 7. Himmel pressen sollen… und dann, nur dann sind wir akzeptiert und richtig, echte Frauen, echte Mütter. Wie gerne würde ich eine dieser Frauen von vor zig Jahren fragen, was sie tun würde, könnte sie wählen… aber noch viel mehr würde ich wissen wollen, was sie dazu sagen würde, wählen zu dürfen, heute, aber genau dafür verurteilt zu werden von einer ach so offenen Gesellschaft, die sich jedoch immer nur in die Richtung öffnet, die ihr am meisten verspricht…

Und dann kommt der Moment, in dem mich dieses Bild wütend macht und ich komme nicht drum herum doch noch einmal den fruchtwassergetränkten Zeigefinger zu erheben… meine Wut bezieht sich aber nicht auf das süße Baby und seine Mama, sondern auf eine Gesellschaft, die Frauen zu Opfern ihrer ihnen auferlegten Erwartungen macht und sie dann mit den zerrissenen Hüllen liegen lässt, darauf bauend, dass sie sich selbst heilen… Frauen dürfen Angst haben, dürfen hinterfragen, dürfen entscheiden und das ist gut so. Doch anstatt jeder Frau zwei wunderschöne große Fabriken zur Verfügung zu stellen, randvoll mit Trichtern feinster Schokoladenträume, sehe ich Berichte von Frauen, die in irgendwelchen Fluren ihre Babys werfen wie Kühe, weil woanders kein Platz war… diese Liebe auf diesem Bild ist nicht das Ergebnis einer gelungenen Geburtshilfe, es ist das Ende einer langen Reise für Mutter und Kind, die sich selbst aus dem Sumpf des Opferdaseins befreit haben, die ihren Weg da raus gefunden haben, die es mussten, um emotional nicht zu verrecken unter all der Last… und so sehr ich dieses Bild auch liebe, es zeigt mir immer wieder, dass noch eine Menge passieren muss, um Mutter und Kind im richtigen Verhältnis zueinander in ein System der Geburtshilfe zu setzen, welches beide verdient haben… und ich kann nur hoffen, dass in dem Zerfall, in dem wir uns derzeit befinden, auch mal der richtige Wind durchweht, der etwas Gutes, nein, falsch, etwas viel Besseres entstehen lassen könnte… wenn wir alle einfach mal durch dieses Schlüsselloch sehen und in ein Universum blicken und verstehen würden, wie wichtig entbinden ist und wie viel Liebe notwendig ist, um aus Schmerzen Schokolade zu machen…

Ich bin zartbitter langsam leid…

 

 

Don`t copy text!