Gleich, gleicher, Kaiserschnitt – die Welten zwischen Not und Wunsch

von | 21.02.2016 | Kaiserschnitt | 0 Kommentare


 

Der Kaiserschnitt – ein für die in einer Klinik tätigen Gynäkologen alltäglicher Eingriff, sich Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr wiederholende Routine, doch nicht so für die Mütter. Für sie ist der Kaiserschnitt kein Alltag, für sie sind es einzelne Minuten, Stunden und Tage mit ganz unterschiedlichen Gefühlen, das Ende einer langen Reise und der Beginn einer neuen, noch viel schöneren, noch viel längeren Reise. Es ist nicht nur ein Eingriff, eine Operation, ein kalter Akt in einem sterilen, gefliesten Operationssaal, es ist so unendlich mehr – ein aus der Not rettender, Wünsche erfüllender, Leben schenkender Augenblick. Doch keiner diese Momente ist mit einem anderen vergleichbar, kein Kaiserschnitt ist wie der andere, es ist kein Fließbandprodukt, bei dem sich alles bis ins Detail gleicht, es schimmert nur an der Oberfläche im sterilen weiß und darunter liegen so viele Farben, dass sie zu zählen endlos dauern würde. Was für eine natürliche Geburt allgegenwärtig ist, muss für jeden Kaiserschnitt, für jede Mutter, die in einem OP entbunden hat, immer wieder neu erfunden werden. Doch wie kann ein Routineeingriff für jede Frau so ganz anders sein? Der Frage gehe ich in meinem heutigen Beitrag nach.

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Ob in redaktionellen Artikeln großer Internetportale und Zeitschriften, unter Müttern in einem der zahlreichen Foren oder in wissenschaftlichen Studien, die Rede ist stets von „dem Kaiserschnitt“. Formulierungen wie bei einem Kaiserschnitt, der Kaiserschnitt oder die sprachlich ausknockenden Freunde alle und immer, sie begegnen dem Leser überall, zarte Differenzierungen, wenn überhaupt, sind oft das einzige Zugeständnis, was dem Kaiserschnitt dabei eingeräumt wird. Darauf angesprochen zuckt es in vielen Antworten schon zusammen ob der Frage nach den vielen, großen und kleinen Unterschieden. Nach den ganzen Universen, die zwischen einem gewollten und ungewollten Kaiserschnitt liegen, nach der ganzen Tragik dahinter, dem vor und danach, dem ganzen Meer an Gefühlen, durch die eine Mutter schwimmen muss, um zu ihrem Baby zu gelangen. All dem wird ein lapidares „der Kaiserschnitt“ aber einfach nicht gerecht. Fragst du mich nach dem warum? Ich möchte es dir gerne erklären.

Immer wieder erlebe ich in Diskussionen, wie Geburten, Kaiserschnitte und die Mütter mit ihren Kindern in 3 verschiedenen Kisten landen, mehr stehen in so vielen Köpfen heutzutage einfach nicht bereit – schwarz, weiß und grau. Eine Geburt ist stets schön und lebensverändernd, etwas, was jede Frau erlebt haben muss, ein Kaiserschnitt hingegen ist der böse Zwilling, von dem jeder weiß, aber keiner möchte ihm zu nahe kommen. Mütter unterteilen sich selbst in die Wege, wie sie ihre Kinder entbunden haben, dabei gibt es keine einzige Geburt, die einer anderen bis ins Detail gleicht. Ob im Wald, im Erdgeschoss des neu gebauten Eigenheims, im nächstgelegenen Geburtshaus oder im daneben zu findenden Krankenhaus mit angrenzender Neonatologie – keine einzige Geburt, seit es uns Menschen gibt, gleicht einer anderen, auch wenn sie auf den ersten Blick sich ähnlicher sehen, als sie wirklich sind. Und so wie das für jede natürliche Geburt gilt, trifft es auch auf jeden einzelnen Kaiserschnitt zu. Es gibt nicht „die Geburt“ oder „den Kaiserschnitt“, es gibt aber Millionen Frauen mit ihren Kindern, die alle ihren ganz eigenen Weg zueinander haben. Allein diesen Punkt nicht mit einer vorgefertigten Kiste im Keim zu ersticken, gelingt nicht jedem. Um wirklich jeder Mutter gerecht zu werden, braucht es schon einen tiefen Blick in ihre ganz eigene Geschichte, doch in Studien, in Artikeln ist dafür kein Platz, er ist schlicht nicht vorgesehen oder wird als Nebensache abgehandelt.

In den Medien ist dieses oberflächliche Kratzen an all den Narben tausender Frauen wie blankes Salz auf ihren Wunden, es ist nicht einmal im Ansatz das, was Mütter und schwangere Frauen lesen sollten und doch bekommen sie es immer und immer wieder vorgesetzt. All diese Frauen werden medial zu einer einheitlichen Masse vermischt und mit einem einfachen „Der Kaiserschnitt“ abgefertigt, als gäbe es nichts dazwischen, keine Unterschiede, keine Welten zwischen dem Ende einer Reise aus einer Not und aus einem Wunsch heraus. Doch diese Welten sind da und sie sind so riesig und gewaltig, dass es mir wichtig war und ist und immer sein wird, darüber zu schreiben. Denn es macht verdammt nochmal einen Unterschied, ob eine Frau nach 46 Stunden Wehen und einem ignoranten Muttermund in den OP geschoben wird, unter Tränen, mit Ängsten, Herzklopfen und einer Hand, die verzweifelt nach Halt sucht oder ob sie morgens um 7 nach einer letzten gemeinsamen Nacht mit ihrem Ehemann ausgeschlafen und aufgeregt, körperlich entspannt einen Kreißsaal betritt und Scherze mit den Hebammen macht, nachdem sie sich über Tage, Wochen und Monate auf diesen Tag vorbereiten konnte. Nein, zwischen diesen Momenten liegen ganze Universen mit unterschiedlichen Gefühlen, Entscheidungen und körperlichen Herausforderungen. Sie sind sowohl in der subjektiven Empfindung, in ihrem Ablauf und der physischen Belastung für Mutter und Kind durch Welten voneinander getrennt. Ein Notkaiserschnitt ist oft hektisch, eine schnelle Entscheidung, meist aus dem Nichts heraus, unangemeldet, plötzlich ist der Raum um die Gebärende voller Menschen, die sie mit ihren viel zu lauten, schrillen Stimmen und Schritten in einen Schock versetzen, sie lähmen, ängstigen und in ein dunkles, tiefes Loch fallen lassen. Und dann liegt sie auf dem OP-Tisch, nicht selten in ein weit entferntes Traumland entsendet, weit weg von ihrem Baby, viel zu weit weg und die vorab mühsam aufgebaute Brücke zwischen Mutter und Kind verblasst zusehends in der Ferne. Aufgewacht aus der Schockstarre mit einem fremden Bündel im Arm, das Geschehene läuft wie ein Film im Hinterkopf in Dauerschleife, die Gefühle prallen wie riesige Wellen auf eine geschwächte Mutter nieder, die noch begreifen muss, dass sie wirklich Mutter ist – nicht jede Frau und Mutter kann das Erlebte mal eben in eine kleine Schublade in ihrem Herzen packen und nach vorne blicken, nicht selten entwickeln Frauen eine Wochenbettdepression oder denken noch Jahre danach mit Tränen in ihren Augen an diesen Tag zurück, werden traurig, fühlen sich betrogen um einen so wertvollen Augenblick, machen sich selbst Vorwürfe, auch wenn sie nichts hätten tun können, emotional keinerlei Vergleich zu einem gewollten, bewusst entschiedenen Kaiserschnitt.

Doch nicht nur die Gefühlswelt, in die eine Mutter eintaucht, markiert wichtige Unterschiede zwischen den verschiedenen Schnitten. Auch im Wochenbett lässt sich oft gut erkennen, wer aus der Not oder aus dem eigenen Wunsch heraus per Kaiserschnitt entbunden hat. Frauen, die einen Notkaiserschnitt hinter sich haben, sind oft nicht nur damit, sondern doppelt bestraft, denn auch 46 Stunden Wehen steckt ein Körper nicht mal eben weg, die werden einfach auf den Bauchschnitt oben drauf gepackt und sorgen bei vielen für ein wesentlich intensiveres Schmerzempfinden nach einer Sectio. So gesehen eigentlich nur logisch, denn der Körper muss die Schwangerschaft, die nicht selten über Tage gehende unvollendete Spontangeburt und dann noch den hektischen Notkaiserschnitt, die Narkose und die gewaltigen Gefühlskatastrophen, die sich auf die Frau herabladen, verarbeiten. Es ist ein Mythos, dass es jeder Frau nach einer natürlichen Geburt sofort wieder prächtig geht, sie herumspringt wie ein junges Reh und all der Schmerz, all die Grenzerfahrungen der letzten Stunden, wie weggeblasen sind. Geburtsverletzungen, ein über Tage beanspruchter Körper, Medikamente, die Schwangerschaft zuvor, das alles löst sich nicht einfach in Wohlgefallen auf, sobald das Baby aus einer Frau herauspurzelt. Wenn dann noch ein Notkaiserschnitt unter Vollnarkose dazu kommt, kann sich jeder ausmalen, wie kaputt und erdrückt eine Frau danach wohl sein wird.

Eine Geburt kann so anstrengend sein wie Leistungssport, fanden US-Forscher heraus. Bedenke, Leistungssport, nicht ein Spaziergang um den Block, sondern richtig echter Leistungssport, zum Beispiel ein Marathon. Könntest du einen Marathon laufen und danach frisch und fröhlich wie ein junges Reh durch die Gegend springen? Nein? Warum wird es dann von Müttern erwartet, die gerade ein Kind bekommen haben? Und warum werden ihre Empfindungen nach so einer langen, beschwerlichen Reise mit dem gleichgesetzt, was nicht einmal ansatzweise damit verglichen werden kann? Für mich erklärt aber allein dieser Unterschied, warum so viele betroffene Frauen, nicht verstehen, wie man sich „so etwas“ freiwillig „antun“ kann, ungeachtet der Tatsache, dass keine Frau bei einem geplanten Kaiserschnitt hektisch und umwuselt von vielen Gesichtern, in denen sich die eigene emotionale Tiefe des gerade Erlebten widerspiegelt, in einen OP geschoben wird. Sie wird morgens oder am Tag zuvor freundlich und ruhig begrüßt, sie schwätzt und plaudert, geht spazieren, telefoniert mit der besten Freundin und Augenblicke zuvor wird sie im Kreißsaal, wo jeder auf sie vorbereitet ist, in Empfang genommen, im OP wird gelacht und nach dem letzten Urlaub gefragt, es ist wie ein Notkaiserschnitt, nur in Zeitlupe, viel langsamer, schonender mit einem freundlichen Gesicht und keiner alles schluckenden, schwarzen Wolke aus Angst und Sorgen. Ich verstehe diese Frauen, denn sie haben die schrecklichste Fratze der Geburtshilfe kennenlernen müssen, doch ihr Bild davon ist nicht meins oder das der vielen Frauen mit einem gewollten Kaiserschnitt, die mir in den letzten Jahren begegnet sind. Und manchmal führt sie genau diese Fratze zu mir, denn nicht wenige planen lieber direkt einen Kaiserschnitt, als nochmal durch die Hölle namens Notkaiserschnitt gehen zu müssen, andere wiederum bestärkte diese Erfahrung erst recht in ihrem Wunsch, spontan zu entbinden und so teilen sich selbst danach wieder die Wege. Selbst bei einem Notkaiserschnitt können Frauen in ihrem Erleben durch Welten getrennt sein, auch wenn der Anblick für sie die gleiche hässliche Fratze darstellte, Erlösung davon finden alle in ihren ganz eigenen Wegen.

Gefühle, Gedanken und die körperliche Herausforderung, all dies wird gerne vermischt, verwechselt und zu einer einheitlichen Pampe verrührt, die es so nicht geben sollte. Doch auch da hört es noch nicht auf. Besonders in Studien werden nur selten die verschiedenen Kaiserschnitte getrennt voneinander betrachtet, besonders und gerade in Hinblick auf mögliche Folgen für die Kinder. Notkaiserschnitte sind Notfälle, sie werden aus verschiedenen Gründen vorgenommen – Sauerstoffmangel, abfallende Herztöne oder der bereits erwähnte ignorante Muttermund, der einfach nicht mitspielen möchte und meist sind es genau diese Gründe, die für das Baby Folgen haben. Ein Sauerstoffmangel kann bei einem Ungeborenen, abhängig von seiner Dauer und Intensität, zu verschiedenen Schädigungen und Störungen führen, von einer leichten Konzentrationsschwäche, bis zur Schwerstbehinderung. Alle Schattierungen dieser Folgen sind möglich und sie geschehen, leider, immer und immer wieder. Ganz vermeiden lassen sie sich wohl nie, denn egal wie weit die Technik uns noch voranbringen wird, all dies nützt nichts, wenn die Menschen dahinter ihr Gefühl für Empathie und den richtigen Augenblick aus den Augen verlieren.

Primäre Kaiserschnitte mit und ohne Indikation, sekundäre Notkaiserschnitte, 3 verschiedene Wege und alle enden in einem OP, doch keiner gleicht dem anderen. Eine Frau mit Diabetes und Übergewicht hat diese Veranlagung ihrem Ungeborenen schon im Bauch mitgegeben, ebenso wie eine psychisch kranke Mutter und die meisten Frauen mit chronischen Erkrankungen, sie alle geben ihren Kindern die Anlagen mit, selbst an diesen Krankheiten zu erkranken, vielleicht nicht sofort, aber irgendwann, die Weichen sind gestellt und das noch lange, bevor der Oberarzt in OP 3 sein Skalpell ansetzt. Nicht der Kaiserschnitt begründet also Diabetes, sondern die Gene der Eltern. Die Gründe, warum ein Kaiserschnitt nötig wird, sind nicht selten die Basis für Schäden und Folgen für Mutter und Kind, denn wer sich wirklich ernsthaft fragt, wie bei einem operativen Eingriff eine Erkrankung wie Diabetes entstehen soll, wird merken, dass es darauf keine schnelle, präzise Antwort gibt, und wie sollte das auch möglich sein? Der Arzt eröffnet den Bauchraum der Mutter, er entwickelt das Baby und übergibt es der Hebamme, vom Schnitt bis zum ersten Schrei sind es oft weniger wie 10 Minuten, die Frage ist also, wie soll in diesen Minuten Diabetes bei einem Kind entstehen, was nicht bereits durch seine Gene darauf programmiert war? Darauf konnte mir bisher auch keine noch so wissenschaftliche Studie eine Antwort geben, wahrscheinlich, weil es sie nicht gibt. Und würde die Ursache dafür tatsächlich nur an dem Schnitt liegen, müssten die Zahlen der Studien wesentlich deutlicher und höher ausfallen, es müsste viel mehr Erkrankungen und Unterschiede geben, doch dem ist nicht so. Doch wie kommen dann die Aussagen all dieser Studien zustande? Das wiederum ist schnell beantwortet: Weil sich unter den Frauen, die per Kaiserschnitt entbinden, einfach mehr kranke wie gesunde Mütter befinden, denn, und das ist nachgewiesen, Mütter, die selbst an bestimmten Erkrankungen leiden, werden wesentlich wahrscheinlicher per Kaiserschnitt entbinden, darunter Frauen mit Diabetes, psychischen Krankheiten, sowie asthmatischen und rheumatischen Störungsbildern. Das erklärt natürlich, warum unter Kindern, die per Schnitt geboren wurden, mehr kranke Kinder zu finden sind, sie haben eben häufiger kranke Mütter. Natürlich gibt es Ausnahmen unter den Studien, doch um wirklich reale Folgen rein des Kaiserschnittes zu betrachten, müsste man die elterliche Anamnese, das Umfeld, in dem das Kind aufwächst, seine Gene, seine Entwicklung, sein Essverhalten, einfach alles, was es ausmacht, entweder einbeziehen oder gänzlich ausblenden, beides wird zu selten oder nur bedingt gemacht. Für mich macht das damit die meisten Studien unglaubwürdig und unbrauchbar. Und der Aspekt, dass Kinder einfach auch ohne erkennbare Gründe und Ursache erkranken können, ist in diese einfach aufgestellte Rechnung noch nicht einmal hineingedacht.

Wie du siehst, es gibt ihn nicht, den klassischen Kaiserschnitt, der auf alle passt. Zwischen einem gewollten, geplanten Kaiserschnitt, für den sich eine Frau bewusst entschieden hat und einem ungewollten, hektischen Notkaiserschnitt liegen ganze Welten, die sich nur auf den ersten Blick ähneln, doch im Kern so gar nicht gleich sind. Vielleicht wird all den Nuancen, den Schattierungen und kleinen und großen Unterschieden, die in der Formulierung „Der Kaiserschnitt“ verborgen sind, irgendwann einmal mehr Beachtung geschenkt, bis dahin setze deinen eigenen Blick auf die Probe beim nächsten Artikel, einer weiteren Studie oder Forendiskussion, die du interessiert verfolgst.

Für mich waren, sind und bleiben Geburten wie Blumenwiesen, die bis an den Horizont reichen. Riesig, ehrfürchtig, zerbrechlich und stark zugleich, wunderschön und atemberaubend, und auf den ersten Blick sehen in dem Blumenmeer alle Blüten gleich aus, doch von Nahem betrachtet, lassen sich die Unterschiede erkennen, manchmal sind sie klein und unscheinbar, manchmal sind sie groß und stechen sofort hervor. Doch egal wie unterschiedlich sie sind, sie alle erst bilden das Blütenmeer, sie formen es zu einem unendlichen Teppich aus Farben und Emotionen. Jede für sich und alle nebeneinander, keine ist mit der anderen zu vergleichen und nur von oben betrachtet strahlen sie in der gleichen Farbe. Gleich, gleicher und eben doch nicht gleich.