Hebammen am Limit ~ ein offener Brief

von | 24.06.2016 | Im Fokus | 1 Kommentar


 

Hebammen – beim Thema Kaiserschnitt sind sie entweder Freund oder Feind, je nachdem. Ich persönlich habe insgesamt vier wundervolle Hebammen kennen lernen dürfen, sie haben mich während meiner Schwangerschaften, in der Klinik und den ersten Wochen im Leben meiner Kinder betreut. Ich hätte nicht auf sie verzichten wollen und würde mir für sie auch weiterhin die Möglichkeit wünschen, dass sie ihrem Beruf ungehindert nachgehen können. Die große Hebammenkrise ist auch an mir nicht vorbeigegangen und ich frage mich, warum die Politik, der Staat, die Verantwortlichen, nicht schnell und langfristig gedacht, eine Lösung parat hatten. Existenzen, die vernichtet werden, weil am Ende des Monats nichts mehr für den eigenen Kühlschrank bleibt; Leben, die sich dadurch ganz anders entwickeln, als wenn es die Krise nicht gegeben hätte, das beschäftigt mich, mir stellen sich Fragen, die ich gerne stellen würde, aber ich nehme an, ich bekäme keine zufriedenstellende Antwort. Kann man auf freiberufliche Hebammen verzichten? Ganz klar nein. In meinem heutigen Beitrag setze ich daher die Hebammen in den Fokus.

Nur ca. 1-3 % aller Geburten sind Wunschkaiserschnitte, Indikationen, weich, hart, verständlich oder nicht, außen vor gelassen, sie reihen sich in die etwa mit 32 % angesetzten Kaiserschnitte im Durchschnitt ein (Quelle: Stat. Bundesamt, 2014). Damit bleiben 68 % natürliche Entbindungen, die in einem Notkaiserschnitt geendeten Spontanentbindungen verteilt auf beide Bereiche. Allein das zeigt, das, ungeachtet der Entwicklung des Wunschkaiserschnittes, mit Sicherheit nicht auf Hebammen verzichtet werden kann. Und nicht nur die Frauen, die sich für einen Kaiserschnitt entscheiden, sollten dies frei heraus tun dürfen, sondern auch alle anderen Frauen. Frauen, die gerne im Kreis der Familie, in einem Geburtshaus oder mit einer Beleghebamme entbinden wollen. Auch für sie sollte es alle Möglichkeiten geben, aus denen sie, individuell und passend für sie, wählen dürften. Diese Möglichkeit jedoch bröckelt, nein, das wäre noch zu verharmlosend, sie stirbt, heute, in ganz Deutschland. Geburtshäuser schließen, Hebammen, die von der Freiberuflichkeit in ein Angestellenleben wechseln, ganze Geburtsstationen, die einfach gestrichen werden, als würden nicht täglich überall Kinder geboren werden, als könnten wir uns das wirklich erlauben. Und dazwischen Frauen, denen damit nach und nach die Optionen gestrichen werden, noch bevor sie diese überhaupt in Betracht ziehen können.

Vor Kurzem stieß ich auf eine interessante Reportage über die Arbeit einer freiberuflichen Hebamme, welche primär Hausgeburten begleitete und durch den Versicherungssupergau gezwungen wurde, ihre Arbeit an den Nagel zu hängen. (Quelle: Hebamme am Limit – eine Reportage des NDR) Auf der entsprechenden Facebookseite fand sich wenig später ein Foto mit einer Wunschtafel, auf der sie festhielt, dass sie sich eine 50-prozentige Senkung der aktuellen Kaiserschnittquote wünsche. Provokativ? Mit Sicherheit. Durchdacht? Eher weniger. Ausreichend? Wohl kaum. Realistisch? Denkbar, aber zu welchem Preis? Und wer soll den dann bezahlen?

Im Folgenden möchte ich an die in der Reportage vorgestellte Hebamme, stellvertretend für alle anderen Hebammen in ganz Deutschland, ein paar Worte richten.

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Liebe Hebamme am Limit,

auch wenn sich meine Worte an Sie richten, so stehen Sie doch nur exemplarisch für alle Hebammen in diesem Land.

Erst einmal möchte ich sagen, dass ich die hier angegebene Reportage auch tatsächlich mit Interesse gesehen habe und die darin dargestellte Situation aller Hebammen genauso prekär finde, wie Sie. Die Tatsache, dass viele Hausgeburtshebammen nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können, ist sträflich und sollte so nicht sein. Jede Mutter, die ihr Kind in ihren 4 Wänden bekommen möchte, sollte auch die Chance dazu haben und es sollte ebenso alles damit zusammenhängende finanziert werden. Ich persönlich ziehe den Hut vor Ihrer Arbeit und zolle Ihnen meinen Respekt für Ihren jahrelangen Einsatz für so viele Familien und ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Beruf noch sehr lange ausüben können und das nicht nur in einer Klinik. Ich kann auch Ihren Wunsch, den Sie an diese Tafel geschrieben haben, absolut nachvollziehen, wobei ich glaube, dass es Ihnen dabei weniger um gewollte Kaiserschnitte geht, sondern eher um primäre oder sekundäre Kaiserschnitte, die entweder auf unzureichende Erfahrung oder insbesondere auf ein Damoklesschwert vieler Ärzte namens »Anklage« zurückzuführen sind. Daran zu rütteln ist eine Sache für sich, bei der es nicht ausreicht, etwas zu wollen oder es in einem vom Verband verfasstes Statement setzen zu lassen. Die goldene Mitte zu finden, bei der ein Kaiserschnitt weder zu früh noch zu spät angesetzt ist, ist ein Kunststück, auch für erfahrene Mediziner und Hebammen. Besonders in den Kliniken ist dies durch die mangelhafte Personalsituation noch weitaus schwieriger. Um also Ihren Wunsch umsetzen zu können, müsste man das komplette System der Geburtshilfe reformieren. Angefangen bei den Hebammen, die wieder ihrem Beruf nachgehen und dies anerkennend entlohnt bekommen würden, bis hin zum Personalschlüssel und einer umfassenderen Beratung für alle Schwangere, unvoreingenommen und individuell. Ich denke, auch in diesen Punkten wären Sie bei mir. Doch selbst das dürfte keine 50-prozentige Senkung der Kaiserschnittquote zur Folge haben, schließlich wäre es mit einer besseren, moderneren und an den Frauen orientierteren Geburtshilfe nicht getan. Es würde auch weiterhin gewünschte, geplante und im Notfall durchgeführte Kaiserschnitte geben. Dass sich die Anzahl derer irgendwann wieder bei etwa 15 % einpegeln dürfte, halte ich für sehr unrealistisch. Die Uhren drehen sich nicht mehr im Rhythmus von 1990, die Frauen ticken anders, sie hinterfragen viel mehr und tun nicht einfach mehr nur das was von ihnen erwartet wird. Von dem Irrsinn, von Selbstbestimmung und Natürlichkeit zu sprechen, während man viele Frauen mit ihrem Wunsch nach einem Kaiserschnitt in eine Situation zwingt, die sie zu Opfern ihrer eigenen Körperlichkeit werden ließe, möchte ich gar nicht erst anfangen. Es gibt kein pauschales gut und richtig für alle. Entweder alle Frauen sind frei und gleichberechtigt in ihren Entscheidungen oder niemand, man kann nicht für die einen Regeln aufstellen, die andere zur selben Zeit woanders brechen dürfen und dafür noch Applaus ernten. Gebären ist Sache jeder einzelnen Frau und genau an diesem Punkt sollten Forderungen oder Ideen für eine moderne, bessere Geburtshilfe auch ansetzen, nicht bei irgendwelchen Zahlen und Quoten. Was in dem einen Land vielleicht funktionieren mag, lässt sich nicht immer per copy and paste auf Deutschland übertragen. Zumal es auch in den Ländern mit einer Quote von weniger als 20 % nicht alles rosig und optimal aussieht, auch hinter diesen Zahlen stehen Geburtstraumata und negative Erfahrungen, nicht berücksichtigte Wünsche und Hoffnungen.

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Nun zum Thema Wunschkaiserschnitt allgemein. Ihre persönliche Meinung dazu haben Sie klar dargelegt, und wie ich finde, ist diese absolut legitim, jedoch gibt es einen Punkt, der mir widerstrebt. Sie bilden in diesem Zusammenhang, wie viele andere Hebammen, Mütter und Frauen ebenso, Schubladen und unterteilen darin verschiedene Gründe, wie im Märchen von Aschenbrödel, welches die guten und die schlechten Linsen voneinander trennt. Die Sortierung der Linsen auf Frauen zu übertragen, halte ich für fatal. Sich zu erheben und zu entscheiden, welche Gründe akzeptabel sind und welche nicht, macht niemanden zu einer kompetenten Fachkraft, es ist oberflächlich und wenig individuell. In eine ganzheitliche Sichtweise auf den Menschen im Zentrum passt so eine Ansicht nicht. Jede Frau hat eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft, sie macht Erfahrungen, erfährt Widerstände und Rückschläge, sie bringt Vorerkrankungen in eine Schwangerschaft hinein oder hat schlicht Gedanken und Gefühle, die sich auch in einer liebevollen 1:1 Betreuung nicht einfach fortzaubern lassen. Nicht für jede Frau ist eine bessere, umfangreichere Geburtshilfe die ideale Lösung. Nicht jede Angst lässt sich lösen, nicht jedes Trauma aufarbeiten, nicht jede Erfahrung aus dem Kopf streichen. Und mir persönlich ist noch keine Frau begegnet, die sich trotz gründlichem Austausch und der Beratung zu den Risiken, blindlings für einen Kaiserschnitt entschieden hat. Und ich denke, wir sind gar nicht so weit voneinander entfernt, wie Sie vielleicht glauben. Ich verstehe Ihre Wut und Ihren Frust über die aktuelle Situation aller Hebammen, genauso wie den Wunsch etwas gegen vermeidbare Kaiserschnitte unternehmen zu wollen, wünschen würde ich mir dabei jedoch eine passendere Differenzierung. Ich habe nicht vor, Sie mit Studien und Zahlen zu bewerfen, ich glaube, es ist den meisten Frauen bewusst, dass es keine risikofreie Geburt gibt und das jegliche Geburtsform in einem Drama enden kann. Aber in einem Punkt treffen sich unsere Bemühungen. Wir haben es uns beide zur Aufgabe gemacht, Frauen zu unterstützen, ihnen nahezukommen, sie zu beraten, ihnen beizustehen und ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten, jede von uns nach ihrer eigenen Überzeugung. Für mich persönlich gibt es dabei aber kein richtig oder falsch, es gibt einfach keinen Grund für mich, einer Frau die Fähigkeit abzusprechen, sich selbst für einen Weg zu entscheiden. Weder Frauen, die sich eine Hausgeburt wünschen, noch Frauen, die sich einen Kaiserschnitt wünschen, sollten sich dafür rechtfertigen und kämpfen müssen, es sollte ihnen mit allen Mitteln möglich gemacht werden. Was für Sie vielleicht unzureichend ist, ist für eine Frau vielleicht alles. Ich betreue Frauen seit Jahren, die mich voller Angst und Verzweiflung anschreiben, weil sie sich ungehört und allein gelassen fühlen. Viele werden wie Vieh verbal durch das Internet gejagt, weil sie etwas wollen, was für andere die Hölle wäre. Hebammen, die ihnen Moralpredigten halten und sie umstimmen wollen, anstatt in sie hineinzuhören und ab einem gewissen Punkt eine Grenze zu ziehen und die Frau loszulassen, sind dabei keine Seltenheit. Was nützen Zahlen und Fakten, wenn es am Ende doch im Herzen entschieden wird, wohin der Weg führt? Nicht alles lässt sich wegmassieren, veratmen oder mit einer Entspannungstherapie ins vermeintlich Positive umkehren. Sich einen Kaiserschnitt zu wünschen, ist keine Krankheit, die man nur erfolgreich behandeln muss, um alles in den Normalzustand zurück zu versetzen. Es ist eine Summe aus Erfahrungen, Gefühlen, Gedanken und der individuellen Anamnese einer Frau. Manchmal muss man einfach den augenscheinlichen falschen Weg gehen, um am Ende ein positives Ergebnis zu erzielen. Ein Kaiserschnitt ist keine natürliche Geburt, aber für manche der einzig wählbare Weg. Das zu akzeptieren und ein behutsames Umgehen damit, das würde ich mir wünschen, von Ärzten, Hebammen und allen anderen. Leider ist mir noch keine Tafel begegnet, auf der ich das festhalten konnte. Meine letzte Hebamme, die mich, ebenso wie die drei anderen Hebammen in meinem Leben, sehr gut unterstützt haben, besitzt heute eines meiner Bücher und für mich ist dies ein enormer Fortschritt. Sie ist sich bewusst, dass es Frauen gibt, die sich, ohne jegliche Wertung ihrer Gründe, ihr anvertrauen wollen und sich genauso wie alle anderen eine liebevolle und achtsame Begleitung von ihr wünschen. Einen Grund einem anderem vorzuziehen, ist wertend und zeugt für mich von der Unfähigkeit sich wirklich voll und ganz auf einen anderen Menschen einlassen zu können. Sicherlich ist es ratsam, aufzuklären, Alternativen vorzuschlagen, Ideen zu sammeln, einfach einen gemeinsamen Weg zu finden, der wählbar scheint und mit dem sich eine Frau wohl fühlt, aber allein dafür müsste man sich ihr zuerst öffnen, in sie hineinhorchen und ihr zeigen, dass ihr Gegenüber alles, was dann zum Vorschein kommt, ohne jegliche Wertung, genauso stehen lässt und es respektiert wird. Für mich ist das der Schlüssel, der in der Geburtshilfe genauso fehlt, wie Personal und eine gesicherte Zukunft für Hebammen. Die Frauen stehen nicht mehr im Zentrum, sie stehen abseits und blicken auf ein System, was sich nicht mehr mit ihnen dreht, sondern um sie herum, ohne ihnen wirklich nahe zu sein.

Was sind wir in Deutschland aber nun wirklich? Wo stehen wir genau? Sind die Hebammen wirklich am Limit oder sind sie nur ein Puzzlestück im großen Ganzen? Sind sie auch nur Opfer des Systems? Ist Deutschland am Limit? Ist die weibliche Selbstbestimmung am Limit? Sind die Mütter am Limit?

Und ich befürchte, eine Tafel, die groß genug wäre, für alle realisierbaren und wünschenswerten Änderungen, würde ich hier gar nicht finden. Doch, was sagt das über die Geburtshilfe in Deutschland aus? Über ein Land, in dem schwangere Frauen in Geburtsmomente gezwungen und damit allein gelassen werden, in dem Frauen ihren Beruf opfern müssen, in dem Geburten wie Getränke an der Supermarktkasse abgerechnet werden, manche mit Pfand, die meisten ohne. Wo sind wir hingekommen und wo sollten wir sein? Die Forderung nach einer Senkung der Kaiserschnittquote ist verständlich, doch am Ende nichts anderes, als die Anzahl der Taschentücher zu ändern, wenn man erkältet ist. Am Schnupfen ändert das allein gar nichts. Die Message ist angekommen, aber sie ist zu oberflächlich, nicht zu Ende gedacht, am falschen Ende gezogen, die wirklichen Missstände nicht mitbedacht und es bleibt, was es von Anfang an war, ein frommer Wunsch, der in einem System schwebt, welches gar keine Wünsche zulässt, für niemanden. That’s it!