Kaisergeburt oder „Der Moment, als sich mir die vollkommene Liebe zeigte“

von | 17.01.2018 | Wunschkaiserschnitt | 0 Kommentare


 

Ganze 23 Wochen ist es nun schon her, 161 Tage – gefühlt eine Ewigkeit, im Herzen aber ist es noch ganz nah in meinem Kopf, in mein Herz einbetoniert, in Stein gemeißelt für die Unendlichkeit meiner Seele. Dieser unfassbare Moment, den ich vor meinem inneren Auge immer wieder abspiele, repeat and play, again and again. Ich schließe meine Augen und es ist als hätte ich mich niemals aus diesem Operationssaal wegbewegt, als würde ich immer noch dort sitzen und sehen wie dieses zauberhafte kleine Mädchen aus dem Bauch seiner Mama entwickelt wird. Nur die zuckersüß verschmierten Gesichter meiner eigenen Kinder können diesen Moment überbieten. Vor 23 Wochen habe ich eine Kaisergeburt begleitet und es ist als hätte man mir in einem wunderschönen Wald mit duftenden Tannen und zauberhaften Fabelwesen das Licht der Welt gezeigt, wie in einem Märchen mit bunt illustrierten Bildern, nur dass es kein Märchen war, sondern ein Stück Alltag, Routine, medizinischer Fortschritt. Gefühlt war und ist es ein verdammtes Wunder und ich werde nie aufhören können, dankbar dafür zu sein, dass mir dieser Moment geschenkt wurde.

„Wenn du möchtest, darfst du mit in den OP und uns begleiten, wenn die Kleine geholt wird. Es wäre mir eine Ehre, wenn du dabei sein könntest.“

Da war er auf einmal, ein so unfassbar großer und persönlicher Satz, wie ich sie nicht jeden Tag zu lesen bekomme. Eine Ehre. Das fühlte sich falsch an, denn ich fühlte mich doch geehrt und dankbar, schon an diesem Punkt, allein für die Idee mich an so etwas persönlichem teilhaben zu lassen, sich vorstellen zu können, dass ich genau dann dabei war. Mich überwältigte das. Wir kannten uns doch kaum. Aber der Gedanke keimte von da an in mir und er sollte die schönste Blüte zu Tage fördern, die ich jemals zu Gesicht bekommen sollte. Ich fieberte dem grünen Licht der Ärzte entgegen und begann langsam aber sicher zu planen. Von Leipzig aus ist es bis Kiel nicht gerade ein Spaziergang, das musste vorbereitet werden. Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem man hätte meinen können, ich bekäme noch ein Kind und nicht sie. Meine eigene Tochter ist auch ein Augustbaby und ich fühlte mich, als wäre ich nochmal mit ihr schwanger, vielleicht lag es daran oder an meiner Aufregung. Es war absurd. Meine Vorfreude war unendlich groß, ich fieberte dem August entgegen. Bei beiden Kindern lag ich selbst auf diesem OP-Tisch und ich wusste genau was ablaufen würde, was sie alles tun würden, ich hatte in den letzten Jahren hunderte Bilder und Videos gesehen, man hätte mir ein Skalpell geben können und… nein, Scherz beiseite… Ich wusste einfach genau, was auf mich zukommen würde und doch war es etwas völlig anderes, eine ganz neue Perspektive, von der ich nicht gedacht hätte, dass ich sie so mal erleben würde. Ich durfte Zuschauer sein, Mäuschen spielen sozusagen und etwas miterleben, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen und völlig neben sich vor sich hin zu fühlen.

„Die Kleine wird am 09. August geholt!“

Wenn ich meine Augen schließe und daran denke, ist für mich sofort wieder der 09.08.2017 – ein Datum, an dem nicht nur dieses kleine, wunderschöne Mädchen zur Welt kam, sondern auch das Datum, an dem in mir wieder etwas erwachen sollte. Erst viel später konnte ich erfassen wie wichtig dieser Tag für mich am Ende wirklich war.

Ich könnte jetzt damit beginnen, wie wir morgens am Tisch saßen und über das sprachen, was in den folgenden Stunden passieren würde, aber das hier wird kein regulärer Geburtsbericht, der mit der Aufnahme im Krankenhaus beginnt und mit dem glücklichen Verlassen auf der Wöchnerinnenstation endet. Denn ich selbst habe an diesem Tag kein Baby bekommen, ich war nur Gast, Zuschauer, ein Reisebegleiter im Kreislauf des Lebens und durch diese Augen möchte ich euch beschreiben, was ich erlebt habe.

Wir kamen morgens im Krankenhaus an, ein Freund der beiden fuhr uns in die Klinik und ich weiß noch, dass meine Kamera anfing herumzuspinnen, mein Blutdruck stieg, denn ich hatte die Erlaubnis im OP zu fotographieren und jetzt ging dieses Mistding nicht, ausgerechnet jetzt, doch ich bekam es wieder hin und eh ich mich versah, stand ich in einem Kreißsaal, überall waren Ärzte, Schwestern, Hebammen und alle kümmerten sich um die werdende Mama. Als ich sie so liegen sah, auf diesem Bett, in dieser hässlichen Krankenhausbettwäsche, mit den sexy Thrombosestrümpfen, um sie herum all diese Geräte, da dachte ich an meine Babys und an die bezaubernde Enya, die aufgrund einer lieben Hebamme sich für immer mit meinem ersten Kind verknüpfen sollte, weil sie uns ihr Album im Kreißsaal in den CD-Spieler packte. In meinem Kopf konnte ich sie singen hören. Anders als geplant, sollte es nun erst mittags losgehen, der einzig Nüchternen im Raum schmeckte das wortwörtlich so gar nicht, aber am Ende kommt es ja immer anders als man denkt und plötzlich ging alles ganz schnell.

„Sie beide, mitkommen, hier drin können sie sich umziehen!“

Während all diese sympathischen Weißkittel also mit meiner Freundin davonfuhren, wurden ihr Mann und ich zu den Umkleiden vor dem OP-Raum geführt. Im Flur entdeckte ich den operierenden Arzt, der am Tresen stand und gerade ein Telefonat beendete. Ich war unsicher, wie so oft im Leben, und fragte nochmal ob es wirklich okay wäre, wenn ich im OP Fotos machen würde, er bejahte und freute sich. Er sah sehr gut aus, dachte ich noch so bei mir. Ein reizender Arzt, den hätte ich auch an meine Eingeweide gelassen. Gott, die Aufregung ließ mich durchdrehen… Reiß dich zusammen, Nancy, du wirst gleich ein verdammtes Wunder erleben… bleib geschmeidig. Ich lief also mit schnellem Schritt der freundlichen Schwester nach und betrat die Umkleide. Mir ist die Arbeit in einer Klinik nicht fremd, bin ich doch selbst medizinisch ausgebildet und habe in meiner Ausbildung genug Krankenzimmer auf allen möglichen Stationen gesehen, aber in so einer Umkleide vor einem OP stand ich noch nie. Durch ein Fenster in der Tür zum OP konnte ich hineinlinsen, sah aber nur auf eine weitere Wand. Ich zog mich um und ich machte was jeder in diesem Moment getan hätte. Richtig, ich machte eine Menge Selfies… nein, ohne Witz und mal ehrlich, ihr hättet es auch gemacht… vielleicht musste ich auch einfach nur verdrängen, dass ich keine Ahnung von den Größen dort hatte und instinktiv nach etwas Größerem griff und mich kurz darauf ärgerte, dass es viel zu gut passte. Frauen… egal, mein Arsch war gerade nicht wichtig. Ich schoss also Fotos, es lenkte mich ab, gefühlt 300 Mal desinfizierte ich mir die Hände und Arme, selbst die Kamera habe ich abgerieben damit, jeder Zwangskranke wäre stolz auf mich gewesen. Ich wollte nur noch in diesen OP und endlich sehen, was es zu sehen gab, nur eben ohne Popcorn und Coke. Nach einer gefühlten Ewigkeit und dutzenden Fotos kamen die Krankenschwestern dazu und ich fing an zu plaudern und guck an, die Welt ist ein Dorf, die eine Krankenschwester hatte ihre Ausbildung in Leipzig gemacht, in dem Krankenhaus, in dem meine eigenen Kinder zur Welt kamen. Ein Dorf, Leute, ich sags euch… nach dem Kaiserschnitt steckte mir besagte Schwester noch ihre Mail-Adresse zu, weil sie an meiner Arbeit interessiert war, das war ja mal mega… gut, genug gefeiert… die Schwestern ließen mich also wieder allein zurück. Jetzt wusste ich, es würde nicht mehr lange dauern. Mein Herz klopfte bis zu meinen Schläfenlappen, so laut, dass ich hätte schwören können, Edgar Allan Poe würde sofort reinkommen und mir mein verräterisches Herz hinhalten. Und dann ging plötzlich die Tür auf… und nein, es war nicht Edgar, sondern die liebe Krankenschwester von eben.

„So, es geht los, folgen Sie mir bitte!“

Ich betrat den OP. Und völlig egal, wie stolz mein innerer kleiner Zwangsmensch eben noch war, ich fühlte mich so unrein, als hätte ich einen Mantel aus Bakterien getragen. Das ist doch irre, wegdrücken den Gedanken, ganz nach hinten, mach Platz für das Leben, du Verrückte. Ich musste mich beruhigen. Um die Ecke stand der OP-Tisch, auf ihr lag fertig präpariert meine Freundin, nach einigem Gewusel parkten wir uns an ihrem Kopfende. Einer rechts, einer links, ihr Mann näher bei ihr. Ich fühlte mich nah genug bei ihr, in diesem Raum, an diesem Tag, es war so unfassbar, ich begriff noch gar nicht, was jeden Moment passieren würde. Es war so unwirklich. Nie hätte ich gedacht, das erleben zu können. Nie. Und dann, in diesem Augenblick war ich mittendrin und mein kleines verräterisches Herz schlug und schlug und schlug, als würde es vor Aufregung davonrennen wollen.

„Sind Sie sich sicher, dass wir das Tuch herunternehmen können?“

Normalerweise hängt vor den Augen der werdenden Eltern ein Tuch, damit sie nicht mit ansehen müssen, was ein paar Etagen weiter unten die Ärzte mit dem Körper der Frau machten – Ihr offener Bauch, Blut, Gemetzel, also im Grunde Popcornkino und ich hatte keins dabei, verdammt. Zumindest ist das genau das Bild, was viele im Kopf haben, wenn sie an einen Kaiserschnitt denken. Weit aufgerissene Bäuche, überall Blut, an den Wänden, dem Boden, jeder Regisseur aus dem Splatterfilmgeschäft wäre neidisch ob dieser blutigen Szenerie. Ich selbst hatte meinen eigenen geöffneten Bauch nie gesehen, auf Videos sah man meist nicht den ganzen OP, ich hatte also keine Ahnung, was ich tatsächlich gleich zu sehen bekommen würde. Der Arzt fragte meine Freundin mehrmals, ob sie nach wie vor anstelle eines normalen Kaiserschnittes eine sogenannte Kaisergeburt wünscht. Bei dieser wird das Tuch abgehangen und die Eltern können mit ansehen wie ihr Baby durch die Hände der Ärzte geboren wird. Sie wollte. Ich war erleichtert, denn genau auf diesen Augenblick hatte ich mich ja schließlich so lange gefreut, für diesen Moment bin ich hunderte Kilometer gefahren, habe meine eigenen Kinder für knapp 4 Tage zuhause zurückgelassen, nicht allein natürlich, und nun saß ich da und nur noch wenige Sekunden trennten mich von einer unfassbaren Erfahrung.

„Und da ist ihre Tochter. Gleich ist sie auf der Welt!“

Stille. Niemand bewegte sich, als wäre das Baby, halb geboren, halb noch im Bauch seiner Mama eine zerbrechliche kleine Seifenblase, die bei jeder kleinsten Erschütterung platzen könnte. Nach all dem Chaos und dem Gewusel fand ich mich nun plötzlich in dieser Stille wieder. Eine unglaubliche Wärme erfüllte mich. Das Tuch wurde vorsichtig herunter genommen und die Zeit blieb stehen, nur für mich, in meinem Kopf und die Mutter in mir hielt in ihrem Herzen die Namen ihrer eigenen Kinder, sie waren bei mir, jede Sekunde in diesem OP. Und ich begann zu sehen. Da waren aber kein Blut oder freiliegende Gedärme zu sehen, es gab kein Gezerre, kein Reißen, keine gefühlte Brutalität, da gab es nur pure Liebe. Ich blickte voller Faszination auf ein neues Leben, welches mit geübten Griffen sanft aus dem Bauch seiner Mutter gedreht wurde, zaghaft umschlossen von kompetenten Händen, sicher gehalten und gestützt, behütet vom ersten Moment seines Lebens an. Im Operationssaal war es nicht heller als in einem Kreißsaal. Es war nicht laut, man sprach ruhig und bewusst miteinander, niemand schrie, außer dem kleinen Bündel, welches meiner Freundin direkt auf die Brust gelegt wurde. Ich weinte, obwohl es nicht mein eigenes Kind war, was da gerade den Weg ins Leben fand, aber ich war unendlich überwältigt. Ein Kaiserschnitt ist keine natürliche Geburt, aber er ist auch nicht der kalte, herzlose, brutale Akt, zu dem er nach wie vor erklärt wird. Und in diesem Moment habe ich es selbst gesehen, ich hatte nicht mehr nur meine kleine subjektive Mamaperspektive, ich habe gesehen, wie ein Baby per Kaiserschnitt geboren wurde und da waren weder Ekel noch Schmerz, nur Liebe, pure wahrhaftige Liebe, so groß und gewaltig, dass es mich immer noch umhaut, wenn ich nur daran denke.

Ich habe in den letzten Jahren so oft gelesen, ein Kaiserschnitt sei nichts Schönes, keine echte Geburt, es ist das pure Grauen, einfach schrecklich und ich bin mir sicher, für viele Frauen da draußen ist das leider die tatsächliche Realität, weil sie diesen Schnitt nicht wollten oder weil etwas schiefging, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen und für mich war es wunderschön und purer und echter als das meiste von dem, was ich täglich zu sehen bekomme. Meine eigenen Kaiserschnitte waren für mich bereits die unvergesslichsten Erlebnisse in meinem ganzen Leben und ich denke immer wieder gerne daran zurück und muss weinen, weil ich heute noch die Liebe spüre, die mich an diesen beiden Tagen überflutete und völlig einschloss und nie wieder freigab.

Ich weiß hier und heute nicht, ob ich jemals wieder die Gelegenheit bekommen werde, dem Lebensbeginn auf so eine Art und Weise nochmal so nahe zu kommen, aber ich weiß, dass es mich bestärkt und motiviert hat, weiter zu machen, weiter zu schreiben und vor allem weiter zu kämpfen, für genau diesen Augenblick, in dem Liebe greifbar wird und der Beginn von einer noch viel schöneren Reise entsteht.

Danke. Danke meine liebe Laura, danke fantastisches OP-Team der Universitätsklinik Schleswig-Holstein in Kiel, danke für diesen Moment, ich werde ihn in meinem Herzen bewahren und nie mehr loslassen.

Danke… ein viel zu kleines, viel zu leises Wort für das, was ich empfinde.

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