Kaiserschnitt auf Wunsch – vom Suchen und Finden einer Definition

von | 07.01.2016 | Wunschkaiserschnitt | 4 Kommentare


 

Wunschkaiserschnitt – woran denkst du bei dem Wort? Welches Bild einer Frau und werdenden Mutter leuchtet bei dir auf, wenn du daran denkst? Fühlst du dich selbst angesprochen? Gibt es dir das Gefühl für etwas tief in dir endlich ein passendes Wort gefunden zu haben? Einen begrifflichen Halt? Oder zieht sich in dir alles zusammen, weil für dich dieses Wort für die alltägliche Handlung wider der Natur steht? Versuche einer Definition gibt es viele, eine einheitliche jedoch, zu der jeder sein okay geben mag, ist nicht darunter. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff „Wunschkaiserschnitt“? Wie hinter jeder anderen Definition auch, versteckt sich hier ebenso ein Stück Meinung, eine Haltung dazu, ein Statement. Bevor ich meine Definition mit dir teile, zeige ich dir voran wie Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. einen Wunschkaiserschnitt definiert:

„Als Sectio auf Wunsch (auch „Sectio kraft Vereinbarung“ oder „Gefälligkeitssectio“ genannt) bleibt hiernach begrifflich nur der Fall, in dem keine medizinische Indikation ersichtlich ist. In Betracht kommen die Fälle, in denen aus beruflichen oder terminlichen Gründen Zeit und Ort der Entbindung im Voraus fest bestimmbar sein sollen (z.B. Tag der Jahrtausendwende oder Geburt unter einem günstigen Horoskop) oder die Teilnahme des Partners gewünscht wird, der zeitlich nicht frei verfügbar ist.“

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„Keine medizinische Indikation ersichtlich…“ – Das ist gleichzeitig alles und nichts. Die klassischen Gründe für einen geplanten Kaiserschnitt sind den meisten Frauen bekannt. Das Baby im Bauch liegt quer oder es bringt direkt noch 2 Geschwister mit, die Plazenta versperrt den Weg und stellt somit ein Risiko dar oder das Kleine im Bauch ist gar nicht so klein und damit zu groß und zu schwer, als das es auf dem normalen Weg nach draußen finden würde – hier ist der Fall klar. Selbst wenn man, ähm frau wollte, sie hat meist gar keine andere Wahl als ihr Baby per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen. So weit, so nachvollziehbar. Komplexer wird es erst, wenn die Gründe und Indikationen für einen Kaiserschnitt subtiler werden, weniger direkt vor den Kopf gehauen und versteckt in den Tiefen weiblicher Seelen und ihrer Körper, weit ab von dem klassischen medizinischen Verständnis der Allgemeinheit.

Schlicht und scheinbar für jeden greifbar gemacht könnte ich die Definition „Eine Wunschsectio ist ein Kaiserschnitt ohne klare medizinische Indikation.“, so stehen lassen und den Beitrag schließen, aber das wäre mir viel zu oberflächlich, zu simpel und es würde niemals der Komplexität des Ganzen auch nur ansatzweise gerecht werden. Hinter dem Begriff „Wunschkaiserschnitt“ steckt viel mehr als das Fehlen einer medizinischen Indikation, dahinter verbirgt sich ein ganzer Abgrund, gefüllt mit schmerz- und angsterfüllten Erfahrungen, mit körperlichen Grenzen, ganz viel Kopfkino mit schlecht schmeckendem Popcorn, mit all den großen und kleinen Dämonen, die sich in jedem von uns tummeln und jede Frau, die diesen Begriff in ihr Leben lässt, blickt auf ihren ganz eigenen Abgrund hinunter. Die von der DGGG verfasste Definition macht es mit ihrer simplen Darstellung nicht einfacher, denn auch, wenn die meisten Frauen ihren Entscheid mit harten und weichen, absoluten und weniger absoluten Indikationen umfassend darlegen und begründen können und dahinter mehr steckt wie der bloße Wunsch das eigene Kind als Widder zur Welt zu bringen, hat dieses einfache Wort bereits eine ganz eigene Dynamik entwickelt, aus der sich kein Arzt, keine Hebamme und keine Frau herausreden kann. Hinter dem Begriff verbergen sich nicht nur zwischen Himmel und Hölle liegende, weibliche Abgründe, sondern auch die Erkenntnis, dass sich die heutige Geburtshilfe nach dem Öffnen der Büchse der Pandora mit den Dämonen daraus konfrontiert sieht. Die meisten Frauen, die sich für einen Kaiserschnitt aus freien Stücken entscheiden, kennen die Wände eines Kreißsaals bereits nur zu gut, die Farben der an die Wand gepinnten Orchideenblüten haben sich in ihre Köpfe gebrannt, damit das was sie eigentlich erlebt haben, sie nicht erdrückt. Doch der Begriff birgt noch viel mehr als das – er steht als Symbol für die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper und den ihres Kindes im Moment der Geburt. In keinem anderen Lebensbereich wissen so viele Menschen so viel besser was gut für eine Frau ist wie von dem Zeitpunkt an, in dem ein Kind in ihr heranwächst. Die Konsequenzen der pauschalisierten Fließbandgeburten ziehen sich nicht nur durch die zahlreichen Internetforen, in denen Mütter verbal aufeinander einprügeln, weil ihnen der Geschmack ihres eigenen Bandes nicht so sehr auf der Zunge kleben geblieben ist, wie bei einer anderen, sondern sie haben sich ebenso als kalter Nebel über die Stationen der Geburtskliniken gelegt.

Lässig aus dem Ärmel schütteln lässt sich demnach eine Definition für den Wunschkaiserschnitt nicht. Das Fazit ist und bleibt jedoch das Recht jeder Frau, ihre ganz eigenen Erfahrungen, Gedanken und Gefühle zu einem Begriff zusammenzufassen und wenn sich aus diesem, ihren, Knäuel nicht die allseits erwartete Spontangeburt entwickelt, sondern der Wunsch nach einem Kaiserschnitt, dann ist das so, Punkt.