Mütter sind Mütter, sind Mütter!

von | 11.02.2016 | Der große Moment | 0 Kommentare


 

Vor genau 2399 Tagen begann eine Reise, die nicht nur mein Leben auf den Kopf stellen und es für immer verändern sollte, es würde auch viele andere Leben berühren, Leben, die ich bereits kennen lernen durfte und Leben, die mir noch verborgen sind. Von einer Sekunde auf die nächste würde nichts mehr so sein wie es war und ich hatte keine Vorstellung davon, wie lang diese Reise wirklich werden würde. Und zu diesem Zeitpunkt habe ich auch noch nicht geahnt, auf welchen beruflichen Weg mich dieser Moment noch bringen würde. All das hier, diese Seite, mein Blog, jedes Wort hier, in meinem Buch und in denen, die noch kommen, die beruflichen Veränderungen, die dieses Thema für mich noch bereithält, sind Teil meiner ganz eigenen Reise und ich möchte dich in diesem Beitrag einladen, mich ein kurzes Stück zu begleiten. Zurück zu dem Moment, in dem meine Reise begann.

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Es war im Sommer, ein warmer Julitag, wir kannten uns noch keine 500 Tage, die Sonne schien und mein heutiger Ehemann und ich standen im Bad seiner kleinen 1-Zimmer-Wohnung und starrten gemeinsam auf dieses Stück Plastik und eine kleine Sanduhr, die sich darauf drehte und uns wahnsinnig zu machen schien, bis sie uns, beinah wie ein Orakel, offerierte, dass wir von diesem Augenblick an ein anderes Leben führen würden, ein Leben zu dritt – wir waren schwanger, da stand es schwarz auf weiß und dieses kleine Wort legte sich wie ein warmer Regen um uns herum. Es war keine zwei Monate her, da hatten wir beschlossen eine Familie zu gründen und nun sollten wir schon am Ziel sein. Wir schauten uns an, umarmten uns und weinten vor Freude und ob der aufkommenden Emotionen, die wir noch gar nicht erfassen konnten. Wir waren von diesem Moment an nicht mehr nur du und ich, wir verschmolzen zu einem wir, zu einer Einheit, deren Aufgabe es war, dieses neue Leben in mir zu schützen, zu begleiten und sobald es bei uns war, nie mehr gehen zu lassen. Wie hätten wir da nur ahnen können, dass 1976 Tage später ein weiteres Stück Plastik unser Leben nochmals auf den Kopf stellen sollte. Wie hätten wir überhaupt ahnen können, dass sich unsere Liebe eines Tages durch 2 Kinder in unseren Armen und Eheringe an unseren Händen vollenden würde? Heute weiß ich, als ich meinen Mann das erste Mal sah, als ich in seinen Augen den Rest meines Lebens sah, stand für mich bereits fest, dass er mein Leben sein würde, dass er der Vater meiner Kinder werden und ich nie wieder von seiner Seite weichen würde. Hinter uns liegen gute Jahre, Jahre voller Glücksmomente und Lachflashs, eine Million Küsse, doch auch Prüfungen und Probleme, Streitigkeiten und Ängste und wenn ich heute an diesen einen Moment zurückdenke, in dem uns dieses Stück Plastik in ein neues, anderes Leben katapultierte, möchte ich am liebsten immer wieder zurück und es nochmal erleben, einfach so, um es uns zurück in unser Bewusstsein zu holen.

In diesem einen Augenblick, heute vor 2399 Tagen wurde ich Mutter, ich war nicht mehr nur ich, eine junge Frau von 25 Jahren, die noch lange nicht im Leben angekommen war, ich bin quasi in ein neues spannendes Level meines Lebens gebeamt worden. Wird man nicht erst Mutter, wenn das Baby auf der Welt ist? Höre ich es in meinem Hinterkopf aus allen möglichen Ecken fragen. Ich sage nein. Es ist eine weitere Ebene des Mamaseins, eine zum Anfassen, neu, aber nicht ganz unbekannt, denn schon lange vor der Geburt tauchen Frauen in diese neue Welt ein. Wie in einem Hotel, in dem die Gäste in der Lobby darauf warten, ihr Zimmer zu beziehen. Sie sind schon drin, aber irgendwie auch noch nicht wirklich.

Mütter sind Mütter, sind Mütter, Punkt, da kann keiner dran rütteln, das ist so. Wer ein Kind unter dem Herzen trägt, ist Mama. Ich weiß, ich kann die vielen Fragezeichen über deinem Kopf bis zu mir sehen, keine Sorge, es wird dir bald klarer werden, was ich dir mit diesem Beitrag zu sagen versuche. Bleiben wir bei dem Vergleich mit dem Hotel. Jeder kennt es. Als Gast kommt man durch eine große edle Tür hinein und die Blicke schweifen durch eine wunderschöne, lichtdurchflutete Lobby, am Empfang stehen die Angestellten, die ihren Gästen mit dem Gepäck helfen und sie zu ihren Zimmern begleiten. Aber das hier ist kein Allerweltshotel, in dieses, was ich dir beschreibe, dürfen nur Frauen einchecken, schwangere Frauen und ihre Begleiter – Väter, Freundinnen, Großeltern, Vertraute. Man tritt hinein, bekommt einen mehr oder weniger gemütlichen Platz in der Lobby zugewiesen, es werden Tee und Kekse gereicht, Partner und Freundinnen bestaunen Bäuche, wählen Namen aus und sie alle fragen sich, wie das Leben auf ihren Zimmern wohl sein wird. Und sobald das Zimmer bezugsfertig ist, kommt eine fein gekleidete Dame an den Platz, schaut der Schwangeren ins Gesicht und fragt sie die Frage, deren Antwort darüber entscheidet, wie sie auf ihr Zimmer gelangen wird:

Treppe oder Aufzug?

Die meisten Frauen überlegen nicht lange und lassen sich den Weg zum Treppenhaus zeigen. Manchen von ihnen werden dabei die Kräfte ausgehen, sie können nicht weiter und sie steigen in den Aufzug um, traurig ob der Stufen, die sie nicht erklimmen konnten, aber von diesem Gedanken lassen sie sich nicht beirren, sie gehen los und sammeln nochmal alle Energie, die sie aufbringen können, um den Weg zu ihrem Zimmer zu schaffen. All die Stufen, die auf sie warten und keiner kann ihnen sagen, auf welcher Etage sich ihr Zimmer befindet. Auf manchen Etagen gibt es kein Licht, auf einigen ist es eiskalt, es wird kein Spaziergang, aber sie fühlen sich bereit, lange genug sahen sie in der Lobby den anderen Frauen hinterher, die bereits nach oben durften. Jetzt sind sie endlich an der Reihe.

Für lange Zeit gab es in diesem Hotel nur eine Treppe, hölzern, klapprig und gefährlich, viele Frauen kamen nie auf ihren Zimmern an, doch dann wurde das Treppenhaus renoviert, irgendwann kam ein Aufzug hinein, der die Frauen direkt nach oben fuhr, doch der war ganz zu Beginn eher weniger vertrauenswürdig. Heute ist er modern und edel, mit seichter Fahrstuhlmusik und einem adretten Pagen, der die Gäste nach oben begleitet. Doch das schwere Gepäck bleibt und jede von ihnen muss alles mit auf ihr Zimmer nehmen, während die anderen, die sich für die Treppe entschieden haben, das meiste davon im Treppenhaus lassen dürfen. Und wenn die feine Dame an den Platz der Schwangeren tritt, die als nächste an der Reihe ist, stellt sie diese Frage, immer und immer wieder und jede von ihnen kann wählen.

Treppe oder Aufzug?

Die meisten Frauen sagen nun ganz klar: Treppe, andere hingegen wählen ganz bewusst den Aufzug, doch völlig unabhängig davon, wofür sich eine Frau entscheidet, Mütter waren sie alle schon lange vorher. Die Antwort auf diese Frage entscheidet nicht darüber, wer eine Mutter ist und wer nicht, das kann sie auch nicht. Zu diesem Zeitpunkt ist jede Frau bereits Mutter. Sie fühlt, denkt und entscheidet wie eine Mutter. Sie findet Ängste in ihrem Kopf, die vorher gut verborgen waren, die sie so nie kannte. Und ihre letzte große Hürde ist der Weg in ihr Zimmer, das für jede von ihnen das schönste und beste sein wird, was sie jemals gesehen hat. Und keines von ihnen gleicht dem anderen.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder gelesen, dass Frauen, die sich für den Aufzug entscheiden, keine echten Mütter seien, sie wurden zu Müttern zweiter Klasse und ich frage mich, seit wann ist eine Mutter nicht einfach mehr eine Mutter? Seit wann gibt es für sie Kategorien, Schubladen und unterschiedliche Führungsebenen? Kann eine Frau, die ein Kind unter dem Herzen getragen hat, die es sicher an ihrer Hand in den Kindergarten bringt, es sanft auf die Wange küsst und ihm ein „Ich habe dich lieb“ mit auf den Weg gibt, überhaupt etwas anderes sein, als eine Mutter? Sind sich Mütter selbst so wenig wert, dass sie sich auf die Antwort auf diese eine Frage reduzieren lassen? Und was treibt Mütter dazu, andere Mütter so in ihrem Dasein als Mütter zu beschneiden? Sollten nicht gerade Mütter wissen, wie Mütter fühlen und entscheiden? Wo im Laufe der Zeit haben Mütter aufgehört, anderen Müttern die Fähigkeit für sich und ihre Kinder bewusst und für sie richtig zu entscheiden, abzusprechen?

Mutter zu sein ist eine Reise und kein Spiegel einer einzigen Antwort, es ist ein Weg, ein alles verändernder Moment, der selbst im Tod nicht endet. Ein Moment, der einfach irgendwann beginnt und nicht endet, niemals. Jede Frau, die ein Kind bekommt, erschafft diesen unfassbar großen, schönen Moment, der sich unsterblich um sie herumlegt, sie in ihrem Leben begleitet und wie ein feiner Sternenstaub über ihr und ihren Nachkommen wacht, bis er eines Tages, noch immer strahlend, immer weiter nach hinten rückt, hinter die vielen neuen, kleinen Momente, die unsterblich werden. Angesichts dieser unfassbaren, unendlichen Größe, die eine jede Frau mit einem Kind unter dem Herzen, erschafft, scheint es mir umso absurder, eine Mutter auf ihre Antwort auf diese eine kleine Frage zu reduzieren. Treppe oder Aufzug? Was spielt das für eine Rolle in einer Galaxie aus Momenten? Im Verhältnis dazu ist es nur ein Puzzleteil, ein winzig kleiner Teil des Weges, ein Abschnitt, wenn auch ein wunderschöner und wichtiger Abschnitt, der für jede Frau eine ganz eigene Größe besitzt, die nur sie allein bestimmt. Er ist unvergesslich und kann über hell und dunkel entscheiden, er bildet die Basis für die weiteren Verzweigungen auf ihrer Reise, doch er ist nicht die Reise, er ist nur ein Teil von ihr, Teil von etwas viel Größerem, etwas, was so riesig und unendlich ist, dass niemand von uns das wirklich erfassen kann. Und deshalb sollte sich keine Frau auf diese Antwort reduzieren lassen.

Mütter sind Mütter, sind Mütter.

Mein Moment begann in diesem kleinen Badezimmer und er wird nie enden, denn er lebt in meinen Kindern, meinen Enkeln, Urenkeln und ihren Kindern wiederum weiter. Auf meiner Reise habe ich bereits zwei Mal den Aufzug gewählt, mein Gepäck war schwer, schon der Platz in der Lobby war unbequem und mein Zimmer lag auf halbem Weg auf einer schier endlosen Etage und doch würde ich immer wieder so entscheiden, denn in dem Moment, als ich in diesem Aufzug nach oben fuhr, war ich bereits Mutter und ich bin es nach wie vor und werde es immer sein.

Ich habe nicht vor, dich nach deiner Antwort zu fragen, ich muss sie nicht kennen, es spielt auch keine Rolle für mich oder für das, was ich mache. Ich lasse dich hier wieder los, zurück zu deinem Weg und gehe wieder alleine weiter. Frauen erschaffen täglich unsterbliche Momente und mit dem, wofür ich jeden Tag kämpfe, schreibe und arbeite, lerne und lese, möchte ich ein Teil davon werden, eintauchen in fremde Galaxien und mich dafür einsetzen, dass hinter dem Begriff Mutter nicht mehr nur einzelne Entscheidungen stehen, sondern ganze Leben, voll mit Liebe, Lachen und unendlich viel Sternenstaub.