Probiers mal mit Gemütlichkeit! So bequem ist ein Kaiserschnitt wirklich

von | 04.04.2016 | Wunschkaiserschnitt | 0 Kommentare


 

Ein Kind per Kaiserschnitt bekommen – einfacher und bequemer geht es kaum, oder? Im Vergleich zur Spontangeburt schneidet die Sectio so gut wie immer als die vermeintlich leichtere Variante ab. Bequem, sauber und viel einfacher wie eine natürliche Geburt. Zumindest ist das die landläufige Meinung. Andererseits werden nach wie vor mehr als genug Frauen gebetsmühlenartig daran erinnert, dass ein Kaiserschnitt eine riesige Operation mit gefühlt zig Trillionen Risiken ist, denen sich keine Frau mal eben so, aus für das gemeine Volk nicht nachvollziehbaren Gründen, aussetzen sollte. Und hat man als Frau die Operation überlebt, so Gott will natürlich, dann erwarten sie Tage, Wochen, nein, Jahre voller Schmerzen und Probleme – sich um das eigene Kind kümmern, Fehlanzeige, und dazu eine dauerschmerzende und juckende Narbe und der Rest des Bauches gleicht einem Ödland, kribbelig oder noch schlimmer, für immer taub. Ein Kaiserschnitt ist demnach also was? Bequemer… hm, wohl kaum bei diesen Aussichten, schließlich würde niemand dich vor etwas warnen, was bequem und einfach wäre, nein, wozu auch? Doch woher kommt diese widersprüchliche Perspektive auf den Kaiserschnitt? In meinem heutigen Blogbeitrag möchte ich mich genau dieser Frage widmen.

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Wenn ich im Duden das Wort »bequem« nachschlage, finde ich Folgendes:

Duden: be|quem (Adjektiv): angenehm, keinerlei Beschwerden oder Missbehagen verursachend, keine Anstrengung verursachend, ohne Mühe benutzbar, leicht, mühelos, (abwertend) jeder Anstrengung abgeneigt, träge.

Soweit, so gut. Wenn ein Kaiserschnitt also der bequemste Weg wäre, ein Kind zu bekommen, dann würde das bedeuten, er würde keinerlei Beschwerden, Anstrengung oder Missbehagen verursachen, es wäre geradezu leicht und mühelos. Soweit, so falsch. Wenn ich, so erbsenzählerisch wie ich manchmal bin, das also mal sprachlich seziere, ist ein Kaiserschnitt etwas, was jede Frau so mal eben nebenbei bewältigen kann, wie ein Brot schmieren oder nein, noch leichter, an die Wand starren, auf ein Gemälde, vom Sofa aus, auf entenfederngefütterten Kissen gebettet, frisch gebadet und vom heißen Masseur Juan ein Mal von oben bis unten gut durchgeknetet, während er dich mit Erdbeeren füttert, in heiße Schokolade getaucht, versteht sich, ja, das nenne ich sowas von bequem. Und genauso fühlt es sich an, wenn eine Frau ihr Kind per Kaiserschnitt bekommt. Mein Gott, warum machen das dann nicht alle so, könnte sich jetzt eine Schar von elitären Wissenschaftlern fragen, aber noch, bevor sie dazu kämen, würde irgendwo, in einem kuschelig roten Sessel ein alter Mann mit Bart und Brille sein Märchenbuch zuschlagen und sich verabschieden. Bis zum nächsten Mal, liebe Kinder! Und weg wäre er.

Mal die hübsche Märchenbrille beiseitegelegt und in die Realität geblickt: Sind Kaiserschnitte wirklich bequem? Hm, ich habe zwei Kaiserschnitte erlebt und nichts, weder in der Schwangerschaft noch im Kreißsaal oder im OP, geschweige denn auf der Wöchnerinnenstation würde ich mit dem Adjektiv bequem belegen. Im Gegenteil. Ein Kaiserschnitt ist sicherlich vieles, aber nicht bequem, genauso wie die Entscheidung dazu. In all den Jahren ist mir keine Frau begegnet, die sich bei der Wahl der Wandfarbe ihres Schlafzimmers mehr Gedanken machte, als bei der Wahl der Art und Weise ihr Kind zu entbinden. Wunschdatum, sorgenfreie Planbarkeit, schmerzfrei und sauber – Vorteile, die den Frauen gerne in den Mund gelegt werden, zutreffend sind sie nicht. Festgelegte Operationspläne, bei denen Frauen nur bedingt Mitsprache haben, Planbarkeit, die nur dann ein Vorteil wäre, wenn die Babys im Bauch etwas davon verstünden, Schmerzen, die sich weder veratmen noch betäuben lassen und sauber bekommt sicherlich niemand ein Kind aus einer Frau heraus, egal, auf welchem Weg es versucht werden würde. Bequem geht anders.

Vor der Geburt meines Sohnes habe ich mir Videos von Kaiserschnitten angeschaut, immer und immer wieder, ich war wie besessen, ich wollte ganz genau wissen, was da mit mir auf diesem OP-Tisch passiert und spätestens da hatten sich solche Begriffe wie bequem oder sauber erledigt, ein für alle mal, und doch stand für mich fest, dass ich es genauso wollte. Ein Kaiserschnitt ist nicht bequem und erst recht nicht sauber, keine Geburt ist das. Wenn ein Kind geboren wird, fließt Blut, Gewebe reißt, der weibliche Körper wird geradezu auseinander genommen und mit Anlauf und mächtig Karacho auf links gedreht, manchmal mehr und manchmal weniger, wie das Leben eben spielt. Doch in keinem Fall geht das bequem vonstatten und keine Frau wirft eine Münze bevor sie zur Geburtsplanung in die Klinik fährt.

»Frauen, die sich einen Kaiserschnitt wünschen, machen es sich doch leicht. Sie wählen den bequemen Weg!«

Ich denke an meine beiden Kinder, an die Zeit im OP, an die Tage im Krankenhaus, die ersten Wochen daheim und möchte lachen, wenn ich das lese oder schreien, ja, manchmal möchte ich schreien und irgendwas gegen die Wand hauen, weil es mich so wütend macht, sowas zu lesen. Ein Kaiserschnitt ist eine Operation, zwar eine der schönsten und lebensbejahenden, die in einem OP stattfinden können, aber es ist und bleibt eine Operation, ein invasiver Eingriff in den eigenen Körper, mit tiefen Wunden, Risiken und Folgen für das weitere Leben. Niemand entscheidet sich leichtfertig für diesen Weg und besonders nicht, um es sich leicht zu machen, um sich mit bereits erwähntem Juan aus dem Wellnesstempel zu vergnügen, weil sich ein Kaiserschnitt eben genauso anfühlt. Nicht.

Aber nun kommt es. Jede Frau weiß das. Die meisten aus Erfahrung, mehrheitlich leider. Sie haben ihren Kaiserschnitt auf viele verschiedene Weisen erlebt aber ich wette bei meinem Puddinghintern, keine von ihnen würde ihn bequem nennen, nicht eine. Und doch sind es oft genau diese Frauen, die einen Kaiserschnitt nicht als geplante Operation erlebten, sondern als brutal über ihnen hereinbrechenden Notausstieg aus der Geburt, an der ihre Herzen noch hängen, lange nachdem alles überstanden ist, die dann eben genau oben zitierte Aussage machen. Bequem ist, wer es nicht einmal versucht, lautet die moderne Ansage an alle Schwangeren heutzutage. Wer es nicht einmal versucht, ist raus, nichts mit Recall und auch kein Bild von Heidi soundso, nein, der Mütterolymp hat sich erledigt, die Aufnahmebedingung wurde nicht erfüllt. Und alles wird natürlich mit zweierlei Maß bemessen, völlig legitim, von den meisten geduldete Sinnentleertheit. Ja, du liest richtig, es ist so widersinnig, dass es weh tut. Wie kann das für einen selbst als im Kopf manifestierte Horrorvorstellung verknüpfte Erleben für eine andere eine bequeme Reise durch die Hände von Juan sein? Sie wissen von was sie reden, sie wissen es ganz genau und doch, oder vielleicht gerade deswegen, spucken ihre Köpfe solche Sätze aus. Du gehst genauso durch die Hölle, aber für dich sieht es nicht wie die Hölle aus, denn es ist deine selbst gewählte Hölle, es wird sich anders anfühlen, es wird so sein wie mit Juan, am Strand, im Mondschein. Das schreien sie dir zu. Bequem und schön, unvergesslich und nichts im Vergleich zu ihrer unbequemen Wahrheit, die Frauen, wie ich es bin, nicht sehen, nicht sehen können, weil mich mein Wunsch blind gemacht hat, für die Hölle, durch die ich hätte gehen müssen, gehen sollen, die ich in ihren Augen wahrscheinlich verdient habe. Ich weiß es nicht, doch ich weiß, dass ich einen Kaiserschnitt nie, egal wie er zustande kam, als bequem bezeichnen würde, genauso wenig wie die Tatsachen, die die Entscheidung dazu ausgelöst haben und die gibt es, immer.

Es ist und bleibt paradox, was für die einen niemals auch nur in die Nähe von bequem gelangen würde, positionieren sie auf den Stapeln der anderen ganz oben auf, doch die Wahrheit ist eine ganz andere. Es gibt keine bequeme Art ein Kind zu bekommen, es macht Schmerzen, so oder so, es bringt den Körper an ungeahnte Grenzen, so oder so, es ist schmutzig und blutig, es hinterlässt Spuren an deinem Körper, in deiner Seele, in deinem Leben, es kann wunderschön sein und Gefühle freisetzen, von denen keine Frau wusste, dass sie dazu fähig wäre, sie zu fühlen, aber nie, niemals, in keiner möglichen Zukunft, für keine Frau auf dieser Welt, ist es wie eine all-inclusive Luxusbehandlung von Juan – bequem, sauber und geplant, 1o:oo an einem Freitag.

Und anstatt weiterhin mit mehr als unpassenden Begriffen um uns zu werfen und sich gegenseitig den Weg in die eigene Hölle zuzuweisen, wäre es doch so viel schöner, ja, bequem möchte ich fast sagen, wenn wir alle unseren ganz eigenen Juan in uns finden würden. Es gibt keinen leichten Weg und egal welchen eine Frau für sich wählt, er wird steinig sein, schmutzig und schmerzhaft aber wirklich wichtig und dabei das Einzige, was an dem ganzen bequem sein sollte, sind doch ihre Schuhe, damit sie auf ihm zu gehen weiß. Oder um es mit den Worten des großen Balu dem Bären zu sagen: »Denn mit Gemütlichkeit kommt auch das Glück zu dir! Es kommt zu dir!«