„Sie sollten froh sein!“ – Über ungenutzte Chancen, die in Wahrheit keine sind

von | 02.09.2017 | Wunschkaiserschnitt | 0 Kommentare


 

Unter Frauen und vor allem Müttern gibt es viele ungeschriebene Gesetze. Man nickt sich, alles verstehend, im Supermarkt zu, wenn das Kind einen Trotzanfall hat, das ist einfach so. Wir verstehen uns, wir haben das alle mal durchgemacht oder noch vor uns, wir fühlen mit der anderen mit und grüßen einander, stumm und doch alles sagend, wie es die Tramfahrer in Großstädten tun. Wenn es nur das wäre, ach wie einfach wäre unser aller Leben, aber es gibt noch mehr Ungeschriebenes zwischen Müttern. Ein zu einem Gesetz emporgehobener Satz fällt mir dabei immer wieder auf oder eher, er springt mich immer wieder an, mit dem Arsch voran, mitten in die Fresse rein sozusagen. In jedem Beitrag in Foren oder den sozialen Medien, bei dem es um Kaiserschnittgeburten geht, lese ich immer wieder ein und dieselben Aussagen aber ein Satz schafft es dabei immer wieder, wirklich unter jedem Beitrag zu erscheinen, ungelogen, wenn ich immer sage, meine ich es auch so.

»Jede Frau sollte doch froh und dankbar sein, wenn sie die Chance hat, natürlich zu entbinden, so vielen bleibt es vergönnt.«

Da isser, Mädels, einer meiner ultimativen What the f*** – Sätze…

Dieser Satz wirkt noch nicht einmal auf den 99. Blick logisch, sinnvoll und empathisch schon gleich gar nicht. Alles an diesem Satz ist schlichtweg falsch, kein Wort darin ergibt irgendeinen Sinn und es entbehrt absolut jedweder Logik, warum es Frauen in die digitale Welt schreien. Doch von vorn. Worum geht es eigentlich? Eine Frau, ihr Name sei egal, er steht stellvertretend für alle, die genauso entscheiden wie sie, möchte einen Kaiserschnitt und landet damit in den Medien, soweit so gut, die Presseleute freut es, denn die wissen, das gibt viele gute Klicks. Nennen wir sie aber mal der Zweckmäßigkeit im Lesefluss dienlich, hm, Chantalle, damit sie auch richtig schön in das doofe Klischee passt. Chantalle wünscht sich also einen Kaiserschnitt, warum genau ist ihr Geheimnis, sie schafft es damit aber in die Medien, und ehe sie sich versieht, ist die selbsternannte Geburtsplanungspolizei schon an Ort und Stelle und nimmt sie digital so richtig in die Mangel. Und neben den üblichen Verbalklatschen gibt es natürlich, wie soll es anders sein, auch immer wieder diesen einen Satz um die Ohren gepfeffert. Ich nehme mir heute mal die Freiheit, diesen Satz zu sezieren, ihn in seine Einzelteile zu zerlegen, nein, das trifft es nicht, ich will ihn in seine Atome zerlegen, pulverisieren… wegen… na, weil er das verdient hat…

Was genau steckt denn nun aber in diesem Satz? Andere Frauen konnten nicht spontan entbinden, obwohl sie es gerne gekonnt hätten… das ist der erste Teil davon, gut soweit, aber halten wir das nochmal ganz genau fest: Es geht darum, dass andere Frauen, also nicht Chantalle, gerne eine natürliche Geburt erlebt hätten, aber aus irgendeinem Grund hat das nicht geklappt. Sowas passiert, sehr häufig sogar und das ist traurig, nein, das trifft es nicht, das ist verdammt nochmal unfair und ganz bescheidene doofe Kackischeiße. So seh ich das. Es ist nicht fair. Man wünscht sich was und dann BÄM, passiert genau das, was man nicht wollte. Das ist nicht fair, das sollte nicht sein. Natürlich ist es aber gut, wenn dadurch das Leben von Mutter und Kind gerettet wird, klar, sterben will keiner und dabei zusehen schon gar nicht, aber das Geburtserlebnis ist hin und das ist auch wichtig, auch wenn es in dem Moment keine Rolle spielt, keine zu spielen hat. Aber was genau hat Chantalle jetzt damit zu tun? Momentchen noch, in dem Satz steckt ja noch viel mehr…

Die zweite große Aussage in diesem Satz ist nicht ganz so einfach zu durchleuchten. Alle Frauen, inklusive Chantalle, sollen, nein müssen gefälligst dankbar und froh sein, wenn ihre heilige Vagina ihnen grünes Licht für eine natürliche Geburt gibt. Und warum? Na wegen Natur und so, wegen isso halt, meine Fresse, warum, warum, weil es unsere verdammte Pflicht, nein gesegnete Aufgabe ist, unseren Babys den Weg durch unsere heiligen Hallen zu weisen und da haben wir uns auch verdammt nochmal zu freuen, wenn in den Hallen Licht brennt, also ehrlich mal, wieso frag ich eigentlich… aber der Punkt ist doch: Wenn in meiner Vagina die Kronleuchter glänzen, dann habe ich nicht durch den Keller zu gehen, ist doch logisch, oder? Ich mein, da hat sich jemand die Mühe gemacht, so tolle Lichter anzuzünden, da kann ich auch durchgehen und das Wunderwerk betrachten und mein Kind kann sich dann natürlich ob dieser fantastischen Herrlichkeit auch direkt am ersten großen visuellen Meisterwerk in seinem Leben erfreuen. Soweit, so herrlich…

Doch nochmal – was hat das denn nun mit Chantalle zu tun? Um das zu klären, komm ich zum eigentlichen Kern des Satzes. Bisher haben wir folgendes festgestellt: Andere Frauen hatten Pech und die heiligen Kronleuchter hat man nicht dem dunklen Kellergewölbe vorzuziehen, ist ja eigentlich nicht so schwer zu verstehen, oder? Aber was genau hat Chantalle mit den anderen zu schaffen und wen geht es etwas an, ob sie durch die Halle geht oder den Keller vorzieht? Hm? Ach ja, offenbar alle und jeden. Chantalle hat ihren Auftrag zu erfüllen und die heiligen Hallen zum Leuchten zu bringen und warum? Nein, nein, nicht, weil sie es könnte, sondern weil die anderen es nicht konnten!!! Logisch, oder? Na siehste, nach und nach bringen wir doch Licht ins Dunkel… hach, welch köstlich schmeckender Wortwitz… yammi…

Wie, du denkst, das kann doch nicht wahr sein?! Na glaub ma, Liebes, das ist wahr, in sehr sehr vielen, zu vielen Köpfen da draußen macht all das irgendeinen Sinn. Für all die Frauen mit einem ungewollten Kaiserschnitt hast genau DU dich gefälligst zu opfern, genau wie die gute Chantalle, ab mit euch in den Abgrund zu all den anderen Gebärgestörten. Come on, ein paar mehr machen den Braten ja nun auch nicht fett. Ich meine, dann haben am Ende zwar noch mehr Frauen genau das, was sie nicht wollten und dürfen sich dafür jahrelang bei irgendeinem Seelenklempner auf die Warteliste klöppeln lassen aber hey, wenn man seinem Kind etwas mitgeben will, dann ist es doch die eigene Seele, nicht wahr? Die braucht man ja nicht als Mutter, ab in den Müll damit, weg mit dem Scheiß, tze, ne Seele… wofür? Brote schmieren und Schulsachen checken kann man doch auch prima völlig seelenbefreit und mal ehrlich, spätestens nach dem ersten Elternabend sind wir doch eh alle innerlich tot? Oder etwa nicht? Wie, du brauchst deine Seele noch? Echt jetzt? Hm, dann pass mal gut auf Schätzchen, es ist deine Seele, halte sie gut fest und pass drauf auf, beschütze sie und wenn dazu gehört, dass du durch den verdammten Keller gehst, DANN GEHST DU DURCH DEN VERDAMMTEN KELLER!!! Es gibt Sätze, die ergeben nur Sinn für den, der sie spricht. Alle anderen können sie getrost entsorgen. Niemand, keine Frau auf dieser Welt, hat sich selbst zu ignorieren, nur weil andere Pech hatten. Ja, das Leben geht manchmal beschissene Wege und ja, das ist sowas von unfair, aber nein, dafür kannst du nichts, also nimm dir das nicht an, dein Geburtserlebnis zählt. Es ist nicht unwichtig geworden, nur weil andere kein Glück mit ihrem hatten, so hart, wie das auch klingt. Niemand muss sich für irgendwen opfern.

Ich bin mal so frei und dreh den Spieß mal um: Warum gönnen so viele Frauen anderen Frauen nicht ihr eigenes Geburtserlebnis? Warum erwarten sie regelrecht, dass man auf sein eigenes Geburtserleben scheißt, nur weil es andere mussten? Egal wie sehr ich mir darüber meinen hübschen Kopf zerbreche, es will einfach keinen Sinn machen. Angenommen die gute Chantalle würde dann sagen: „Ach, wenn das so ist, dann entbinde ich doch spontan!“. Ja, feini, Pflicht erfüllt, die Kronleuchter werden schon einmal poliert für das große Fest, aber was genau bringt das den anderen Müttern? Bringt ihnen das etwas zurück? Bekommen sie nochmal ein VIP Ticket für die heiligen Hallen? Nein? Right! Sie haben nämlich rein gar nichts davon… Hier, Ihr Schätzeleins, hier habt ihr eine Tüte NICHTS, come on, freut euch. Am Ende wäre diesem Satz zu folgen aber wahrscheinlich ohnehin genauso falsch, weil man sie damit wohl ähnlich traurig macht, wenn man ihnen erzählt, wie hell die Halle leuchtete, als sie hindurchschritten, weil es sie auch nur daran erinnert, was sie hätten haben können aber eben nicht bekamen oder nie bekommen werden. So, Ladys, was ist jetzt richtig, was macht Sinn?

Sinn macht nur, was für dich Sinn macht. Und richtig ist das, was für dich richtig ist. Nichts anderes. Alles andere entbehrt jedweder Logik. Frauen, die in ihrem Schmerz ertrinken, kannst du nicht retten, indem du dich dazu schmeißt und genauso absäufst, hörst du, das geht nicht, das klappt einfach nicht, ihr geht nur beide unter, der Schmerz wird größer, niemandem hilft das. Also mach das, was du auch in der Realität tun würdest… besorg der Ertrinkenden einen Profi, der sie aus dem Wasser zieht oder lass sie mit sich allein kämpfen, wenn sie deine Hilfe nicht will, und dann ziehe in deine eigene Geburtenmeeresschlacht und versuche dabei selbst nicht abzusaufen. Das ist es, Ladys, darum gehts doch! Wir versuchen doch alle nur unseren Kopf über Wasser zu halten und manche schaffen das völlig easy und andere nicht, manche werden nicht mal nass und wieder andere werden halbtot aus dem Wasser gefischt. Darin existiert keine Logik, das ist das verdammte Leben und niemand hat sich für das Unglück anderer zu opfern, absolut niemand, weder du noch ich oder sonst wer.

Wenn ich kann, gebe ich dir einen Strohhalm mit auf deinen Weg, an dem du dich festhalten kannst, aber denke dran, vor dem Ertrinken rettet dich das nicht, also pass auf dich auf. Passt auf euch alle auf, und, an alle, die diesen Satz denken oder ihn aussprechen: Wenn ihr schon einem anderen Menschen etwas mit auf den Weg geben wollt, dann bitte etwas Gutes, Hilfreiches, Schönes, sprecht mit dem Herzen und nicht mit dem Schmerz in Euch. Sagt: Ich hatte kein Glück und habe Schmerzen, es tut mir im Herzen weh, was passiert ist, also bitte, pass du auf dich auf und versuche es nicht mir nachzumachen, halte deinen Kopf so lange über Wasser, wie du kannst, glaube an dich, und wenn es nicht klappt, dann lass los, atme tief ein und lass dich vom Schmerz durchfluten, damit er dir nicht das Herz verstopft. Und wenn du das Leuchten in den Hallen nicht sehen musst, um anzukommen, dann ist das so, es sind deine Hallen, es ist dein Weg, ich muss dir nicht in den Keller folgen, in meinem stand mir das Wasser bis zum Hals, aber deiner ist nicht meiner, also geh und werde glücklich, schließe Frieden, lache, freu dich, weine, wenn du musst und wenn du ertrinkst, nehme ich dich an die Hand und wir schwimmen gemeinsam zurück an Land. Und warum? Weil wir alle Mütter sind und nur verlernt haben uns gegenseitig wirklich zu sehen und wie sollen wir füreinander da sein, wenn wir uns gar nicht sehen?

Und während ich jeder von Euch ohne zu zögern einen Rettungsring zuwerfen würde, denke ich auch an meinen eigenen Keller… da brennt noch Licht, 2 kleine Flammen, die mein Herz erleuchten, jeden Tag, bis in alle Ewigkeit. Die Lichter der Liebe leuchten auch im dunkelsten Keller, vergesst das nicht, niemals!