Wunschkaiserschnitt – von Gründen und Abgründen

von | 17.01.2016 | Wunschkaiserschnitt | 0 Kommentare


 

Es wirkt wie ein Tabubruch, ein Unding und für viele gleicht es einem Verrat an der eigenen weiblichen Natur. Doch die Gründe hinter dem Wunsch nach einer Kaiserschnittentbindung offenbaren meist tiefe seelische Wunden und Ängste, die beachtet und respektiert werden sollten. Doch wie genau sehen die Gründe hinter dieser Entscheidung eigentlich aus? Wo liegen die wahren Abgründe? Was ist dran an dem Spruch „to posh to push“? Ist die Story der Frau mit dem perlenbesetzten Terminkalender in der Hand, der eine Geburt nicht so recht in ihren durchstrukturierten Alltag passt, nur ein Märchen oder gibt es sie wirklich?  Und wenn nicht, wo liegen die wahren Gründe für die Entscheidung „Ich möchte einen Wunschkaiserschnitt!“? In diesem Beitrag möchte ich dir eine Momentaufnahme der häufigsten Gründe für diesen Entscheid näher bringen.

surgery-688380_1920

Bewusster wie nie zuvor denken die Frauen von heute darüber nach, wie und wo sie ihr Kind zur Welt bringen wollen und welcher Weg der Richtige für sie ist. Doch insbesondere der gewünschte Kaiserschnitt wird nach wie vor recht stiefmütterlich behandelt und sowohl unter den Medizinern selbst, wie auch im gesellschaftlichen Raum intensiv diskutiert. Ich nehme an, wenn du diesen Beitrag liest, hast du bereits ganz eigene Erfahrungen mit diesem Thema gemacht. Vielleicht hast du während deiner Schwangerschaft darüber nachgedacht, hattest bereits selbst einen Wunschkaiserschnitt oder du kennst eine Mama, die eine kennt, die wiederum eine kennt und die Schwester von ihr hat das mal erwähnt – wie auch immer du hierher gefunden hast, einige der Gründe wirst du sicherlich schon gelesen oder für dich selbst gefunden haben.

Seitdem es die Option Wunschkaiserschnitt gibt, sehen immer mehr Frauen ihr eigenes Geburtserlebnis lieber in einem OP-Saal stattfinden, als im Kreißsaal. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Frauen selbst. Ureigene Ängste um sich selbst und das Ungeborene im Bauch, geschürt von den Medien, Bekannten, Kollegen, Freundinnen und Familie, die zusätzlich mit ihren oft farbig ausgeschmückten Geburtsberichten die Verunsicherung der Schwangeren ins Unermessliche treiben. Was wird passieren? Wird es meinem Kind gut gehen unter der Geburt? Wie schlimm sind Geburtsverletzungen wie Dammschnitte und Risse wirklich? Die Gedanken kreisen und die Angst, dem Prozess der Geburt hilflos ausgeliefert zu sein, lähmt zunehmend. Die Geburt, bisher als das selbstverständliche Nonplusultra von Mutter Natur angesehen, wird immer mehr, immer häufiger, immer tiefergehender hinterfragt.

Die Schwangerschaft schreitet voran und der Tag der Entbindung rückt immer näher, doch die Ängste und Gedanken bleiben. Erste Ansprechpartner sind hierbei immer zuerst der behandelnde Gynäkologe sowie die eigene Hebamme, für intensive Gespräche und Beratungen findet sich allerdings oft nur wenig Zeit. Im Internet finden Frauen dann meist die ersehnte Möglichkeit, ihre vielen offenen Fragen stellen zu können. Foren, Blogs oder medizinische Portale bieten genügend Raum um sich mitzuteilen und auszutauschen. Nach wie vor ist der Wunsch jedoch ein äußerst sensibles Thema und viele Frauen stoßen auf Widerworte und Unverständnis. Dabei sind die Gründe, die hinter dem Wunsch stehen, wider der eigenen Natur zu handeln, oft klar dargelegt und nachvollziehbar.

Das Klischee von der beautyverwöhnten Blondine, die ihr Neugeborenes mit dem gewünschten Sternzeichen, zwischen einem Kosmetik- und Friseurbesuch im Terminplaner fest gebucht, nur im OP zur Welt bringen will, war noch nie wirklich realistisch, doch viele Mitmenschen sehen oft genau dieses Bild vor Augen, wenn eine Frau den Wunsch nach einer Kaiserschnittentbindung äußert. Betrachtet man jedoch die wahren Hintergründe, blickt die Wahrheit um so vieles leidvoller hervor. Seelische Wunden, negative Erfahrungen, starke Ängste oder eine fehlende Identifikation mit dem natürlichen Geburtsprozess – All dies und noch viel mehr lässt sich zwischen den Zeilen der zahlreichen Berichte lesen und es zeigt damit die wahre Verzweiflung und Tragik, die dieser harmlos wirkende Begriff tatsächlich beherbergt:

  • Furcht vor Spätschäden wie Senkung, Inkontinenz und Sexualstörungen
  • Beckenendlage, obwohl eine Spontangeburt möglich wäre und das damit verbundene, verunsichernde Gefühl, dass es einen Grund für die Fehllage des Kindes geben muss
  • überdurchschnittlich stark ausgeprägte Angst vor dem Wehenschmerz und Geburtsverletzungen
  • Angst um die Sicherheit des Kindes
  • Erleben einer Fehl- und Totgeburt
  • eine vorangegangene, sehr traumatisch erlebte Geburt
  • Angst vor einem Autonomieverlust im Kreißsaal / zu geringes Vertrauen in das medizinische Personal
  • Fehlende Identifikation mit dem natürlichen Geburtsvorgang
  • erlebte Gewalt wie körperliche und seelische Misshandlungen oder Vergewaltigung
  • Krankheiten, die den Verlauf einer Geburt negativ beeinflussen könnten, wie z.B.: Asthma, Rheuma, starke Sehstörungen oder psychische Erkrankungen
  • lange Kinderlosigkeit und die damit einhergehende stärkere Angst um das oft hart erkämpfte Wunschkind
  • schmaler Körperbau und ein zu enges Becken
  • der Entbindungstermin ist längst vorüber und es setzen keine Wehen ein / erfolgloses Einleiten über Tage hinweg und das ungute Gefühl steigt

Ein heute von vielen Frauen ausgesprochener Wunschkaiserschnitt, mit einem der eben aufgeführten Gründe und seien diese noch so klein, ist de facto gar kein Wunschkaiserschnitt im herkömmlichen Sinne, dennoch reihen sich die meisten Frauen unter diesem Begriff ein, da sie bewusst gewählt und sich dabei gegen die Natur und für den OP entschieden haben. Angst allein ist nur selten ein Grund und nicht jede Frau ist sich zu fein zum Pressen, ganz im Gegenteil, meist hat die Entscheidung weder mit Angst noch mit dem Pressen zu tun. Den meisten Frauen geht es um Sicherheit, um das Gefühl die Kontrolle zu behalten und nicht selten drückt irgendein kleiner Punkt im Bauchgefühl einer Mama so sehr, dass man es nicht mehr aus dem Kopf bekommt und es die innere Stimme zum Kaiserschnitt tendieren lässt. Nicht selten kommt es vor, dass Babys bei einem geplanten Kaiserschnitt mit der Nabelschnur um den Hals zur Welt kommen oder etwas anderes vorliegt, was eine natürliche Geburt unmöglich oder gar zur Gefahr hätte werden lassen – das Bauchgefühl einer Mama ist eben eine ganz eigene Dimension und nicht zu unterschätzen.

Gründe für einen Wunschkaiserschnitt gibt es also viele und gerade daher gilt es ein objektives und individuelles Informationsgefüge zu schaffen, in dem Frauen sich in ihren Gefühlen, Ängsten und Gedanken ernst genommen fühlen. Nicht immer endet ein erstes Gefühl im OP, doch dafür braucht es starke Partner an der Hand, die durch alle Höhen und Tiefen begleiten. Schwächen und Lücken in der heutigen Geburtshilfe tragen jedoch dazu bei, den Wunsch zu fördern. Bereits ein ganzheitlicher und respektvoller Umgang mit Mutter und Kind, könnte dazu beitragen, die Gründe besser zu eruieren und damit der modernen Geburtshilfe ein neues Antlitz zu verleihen.

Denkst auch du bei der Geburtsplanung an einen Kaiserschnitt als präferierte Geburtsform? Dann empfehle ich dir, dich vorab gründlich zu informieren, Erfahrungsaustausch zu genießen und dir bei der Entscheidung von allen Beteiligten helfen zu lassen. Literatur, Gesprächskreise, Internetforen und Informationsabende in Kliniken sind nur einige der zahlreichen Möglichkeiten, den eigenen Entscheidungsprozess zu unterstützen.

Jede Frau muss ihren eigenen Weg gehen, angefangen bei der Kinderplanung bis zur Geburt und unabhängig davon, was deine ganz eigenen Gründe sind, das Wichtigste ist und bleibt stets der Respekt vor den Entscheidungen anderer. Angst ist nicht gleich Angst und auch wenn nicht alles sofort nachvollziehbar ist, jede Gedanken- und Gefühlswelt sieht anders aus und das sollte man sich stets bewusst machen, bevor man beginnt ein pauschales „to posh to push“ in eine Diskussion einzuwerfen. In diesem Sinne, heraus aus dem Abgrund, zurück an die Oberfläche.